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 ~° Medizinisches Wissen - Neurologie °~
Bananaberry92 Offline



Beiträge: 134

02.05.2010 00:54
RE: Was soll nur aus unseren Gehirnen werden? antworten

Das digitale Leben kann uns vieles erleichtern, aber es fordert dafür einen hohen Preis. Zumindest solange wir glauben, wir seien fähig, viele Dinge parallel bewältigen zu können. Die Hirnforschung kommt zu einem anderen Schluss: Mit Multitasking droht die Verwahrlosung unseres Stirnlappens. (Von Martin Korte)

Zweifeln hilft beim Lernen, Philosophieren, und auch naturwissenschaftlicher Fortschritt wäre ohne es kaum denkbar!

Beim Zweifeln muss man Entscheidungen bewusster treffen, was dazu führt, dass man langsamer altert. Zweifeln ist auch ganz wichtig für unser Gehirn, denn das Gehirn wächst an seinen Aufgaben, es wird definitiv nicht durch Schonhaltung gestärkt. Da das Zweifeln kognitiv lohnend ist, sollte diese Geistestätigkeit nicht verlorengehen.

Schon allein unter diesem Gesichtspunkt scheint es gerechtfertigt, unsere Mediennutzung, insbesondere das Internetsurfen, genauer - d.h.: Aus neurobiologischer und psychologischer Sicht - unter die Lupe zu nehmen. Ein Hirnforscher verfügt hierbei über eine Perspektive außerhalb der üblichen Diskussionen zwischen hysterischer Technikphobie und den Überzeugungen der "digital natives", die das Internet längst als Teil ihrer normalen Umwelt akzeptiert haben.

Was macht das Internet mit unserem Gehirn? Was für alle wohl logisch erscheint ist, dass das Gehirn sich Aktivitäten, die wir immer wieder tun, merkt, Das Gehirn verändert sich bei jeder Benutzung. Selbst Tätigkeiten, die wir lange nicht mehr gemacht haben, merkt sich das Gehirn, denn es behält eine strukturelle Erinnerung an diese Aktivität. Die Frage die sich den Wissenschaftlern stellt ist, ob die Internetnutzung weit mehr als unseren Gedächtnisspeicher verändert. Experimente zeigen, dass dies möglicherweise der Fall ist. Dazu wurde beobachtet, ob es sichtbare Unterschiede in der Gehirntätigkeit von internetunerfahrenen Probanden gegenüber den Aktivierungsmustern erfahrener Websurfer. Tatsächlich konnten Unterschiede vor allem in bestimmten Stirnlappengebieten der Großhirnrinde beobachtet werden. Interessant war an dem Experiment, dass die Novizen für lediglich 5 Tage das Internet nach einem vorgegebenen Arbeitsplan benutzen durften. Schon nach einer solch kurzen Zeit können sich die Aktivitätsmuster bei Anfängern denen der erfahrenen Nutzer angleichen!!! Das Hirngebiet, welches hier Anpassungsprozesse zeigt, trägt den Namen dorso-lateraler präfrontaler Cortex, dieser liegt im hinteren seitlichen Teil des vorderen Bereichs des Stirnlappens. Wichtiger noch als seine Lage sind dessen Funktionen: Es wird in Verbindung gebracht mit strategischem Denken, logischen Analysen und dem Treffen von Entscheidungen. Mit anderen Worten: Es handelt sich um eine der Kommandozentralen des menschlichen Gehirns.

Multitasking schwächt die Kommadozentrale im Gehirn


Wer kennt das nicht? Am besten viel gleichzeitig machen, da spart man Zeit, die man später für andere Dinge braucht. Dabei überlegt man aber nicht, ob das vielleicht das Gehirn überlastet oder ob das sogar Folgen haben könnte. Wohl kaum einer hätte gedacht, dass genau das Multitasking nicht gut für unser Gehirn ist. Wieso sollte ein normal denkender Mensch sich auch darüber den Kopf zerbrechen? Die Welt hat sich schließlich verändert, alles muss schneller gehen, wir stehen immer unter Zeitdruck, ein Leben ohne Zeit und Uhr, undenkbar!

Es ist erschreckend, wie schnell sich das Gehirn durch neue Tätigkeiten verändern lässt (Experiment von oben). Wenn man das Ganze aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, sieht man auch etwas Positives: Dieses Experiment zeigt, wie formbar und flexibel dieses vornehme Organ in unserem Kopf ist. Man könnte nun einwenden, dass das Ergebnis trivial ist: Natürlich ändern sich im Gehirn Verarbeitungswege und Aktivitätsmuster, wenn wir etwas lernen und dieses Gelernte abspeichern - wo sollte das Gelernte sonst abgespeichert werden? Bemerkenswert aus meiner Sicht ist jedoch nicht, dass man Veränderungen feststellt, sondern wo sie stattfinden. Die durch den Internetkonsum beeinflussten Areale in der Hirnrinde bestimmen nämlich unsere Art und Weise, Probleme zu lösen, Emotionen zu kontrollieren oder zu erkennen, ebenso wie unsere Konzentration und die Fähigkeit, Belohnungen aufzuschieben und langfristige Ziele zu verfolgen.

Untersuchungen zeigen, dass der Internetgebrauch unsere analytischen Fähigkeiten und unsere Leistung, mehrere Aufgaben praktisch gleichzeitig auszuführen - Multitasking -, ebenso verbessert wie die Geschwindigkeit der Bildverarbeitung im Gehirn. Was wahrscheinlich keiner hören will ist, dass wir Menschen generell schlecht sind im Multitasking. Die Erklärung hierfür liegt im Arbeitsgedächtnis, das die Fähigkeit hat, parallel Probleme zu bearbeiten, eigene Gedankengänge zu protokollieren oder sich beispielsweise Gegenstände und Zwischensummen bei Kopfrechenaufgaben zu merken. Dieser Teil unserer Gedächtniswerkstatt hat erstaunliche Kapazitäten.

Ein Teil der Fähigkeit des Arbeitsgedächtnisses, das eng mit den Stirnlappen kooperiert, betrifft die selektive Aufmerksamkeit, diese erlaubt, sich nur auf eine Tätigkeit zu konzentrieren und andere Sinnesinformationen und ablenkende Gedanken zu blocken. Das kann man fast als einen Schutzmechanismus des Gehirns bezeichnen, denn wenn man nur 2 oder gar 3 Aufgaben parallel erledigt, nimmt die Leistungsfähigkeit der primären Aufgabe parallel zur kognitiven Last der anderen ab - und zwar unausweichlich! Wer also ständig abgelenkt wird, sei es nur das Warten auf eine E-Mail, schon der Gedanke an mögliche Eingänge im digitalen Briefkasten genügt, der arbeitet deutlich weniger effektiv als jemand, der seine Tätigkeiten nacheinander ohne Störung abarbeitet. Das ist schon erstaunlich, aber auch logisch. Ein ganz einfaches Beispiel ist doch auch der Computer oder sogar das Internet selbst. Ist es überlastet, also zu viel auf einmal, dann geht alles langsamer, wenn man nicht 1000 Fenster am PC auf hat, verliert man nicht den Überblick und kann eins nach dem anderen abarbeiten.

Das größte Problem von den meisten von uns ist wahrscheinlich, dass wenn man gerade eine Tätigkeit ausführt, ständig andere, vor allem digital inszenierte, verdrängen muss. Das frisst einen großen Teil unseres Arbeitsspeichers, wer also auf Multitasking konditioniert ist, zahlt einen hohen Preis: Die Fehleranfälligkeit seines Denkens und Handelns wird sehr groß (schnell ist noch lange nicht korrekt), die Konzentrationsspannen werden verkürzt. Gleichzeitig nimmt der Wunsch nach schneller "Belohnung" - nach Erfolgserlebnissen - im Gehirn zu, was zur Folge hat, dass wir immer weniger bereit sind, unsere exzessiven Aktivitäten aufzugeben. Die Suchtgefahr steigt. Sollte dieser Befund, der bisher nur an kleinen Probandenzahlen ermittelt wurde, sich zu einem flächendeckenden Befund bei der heranwachsenden Generation ausweiten, wird es einem unwohl bei dem Gedanken, wie es um die Fehleranalyse und Präzision künftiger Maschinenbauingenieure und Brückenbauer bestellt ist.

Wer meint schon, sich jetzt noch alles merken zu müssen? Wir können ja überall alles nachschlagen. Aber es wäre ja auch zu schön, wenn unser Gehirn uns da nicht einschränken würde. Der Grund liegt in den Verschaltungseigenschaften von Nervenzellen im Gehirn. Treten 2 Ereignisse gleichzeitig auf oder assoziieren wir einen Begriff mit einem anderen, so werden die Kontaktstellen - Synapsen genannt - zwischen den Nervenzellen verändert. Ein solches Netzwerk bezeichnen Hirnforscher als assoziativ; das bedeutet, die Verbindung von Nervenzellen untereinander sind in ihrer Stärke und damit in der Durchlässigkeit für Signale verstellbar. Eine der wichtigen Eigenschaften dieser assoziativen neuronalen Netze besteht darin, dass neue Informationen immer in bestehende Netzwerke eingebaut werden. Und hierin begründet sich die Macht des Wissens: [color=maroon]Wer viel weiß, kann leicht Neues mit altem Wissen verknüpfen. Wer umgekehrt wenig weiß und Neues lernen soll, muss jedes Mal wieder ganze Netzwerke zusammenschalten.[/color]

Daraus erkennt man, dass es naiv ist zu glauben, dass man Wissen auf Knopfdruck erwerben und dann noch damit kritisch umgehen kann. Der Informationsüberfluss des Internets fördert das Multitasking, aber nicht unser Wissen - es verhindert es!

Als nächstes stellt sich die Frage, ob Medien intelligenter machen. Dies scheint in der Tat so zu sein. Denn bestimmte Aspekte der Medien scheinen unsere Intelligenz zu fördern. Unsere Fähigkeit, visuelle Muster zu erkennen und einzuordnen, und unser analytisches Denken können davon profitieren. Zu diesem Befund scheint auf den ersten Blick auch der nach dem neuseeländischen Psychologen benannte Flynn-Effekt zu passen: Die Auswertung von normierten Intelligenztests aus 14 Ländern über das gesamte 20. Jahrhundert hinweg ergab durchschnittlich alle 10 Jahre einen Anstieg des Intelligenzquotienten um 3-5 Punkte.

Die Intelligenz leidet, obwohl vieles in der Digitalwelt immer leichter wird

Warum werden wir immer schlauer? Klar ist, dass die Gene als Ursache ausscheiden, denn dazu verläuft die Entwicklung zu schnell. Also bleiben nur die Veränderung der Umwelt, die diesen dramatischen Anstieg des IQ erklären könnten. Die Entwicklung der Medien war also positiv, denn generell sind wir klüger und nicht dümmer geworden. Allerdings ist der Flynn-Effekt in den vergangenen 10 Jahren, in denen Suchmaschinen schneller und das Internet sowie digitale Spiele omnipräsent wurden, ins Stocken geraten: Der Intelligenzquotient steigt nicht mehr an, ja wir sind sogar wieder auf dem absteigenden Ast der Skala. Ist das Gehirn am Ende seiner Trainierbarkeit angelangt?

Wahrscheinlicher ist, dass wir einen falschen Trainer angeheuert haben: Zu viele unserer Aktivitäten in den digitalen Welten scheinen unser Belohnungssystem in die Irre zu leiten. Die Konzentrationsfähigkeit wird auf zu kurze Zeiten eingestellt, unsere Sprachkompetenzen verkümmern ebenso wie unsere haptischen Fertigkeiten. Wenn wir etwas berühren und bewegen, beeinflusst das unser kognitives Vorstellungsvermögen mehr, als wir bisher angenommen haben.


Die Internetnutzung hat auch einen Einfluss darauf, wie genau wir soziale Signale interpretieren können, wie empathiefähig wir sind. Denn auch wenn wir über ein angeborenes System für Nachahmungslernen verfügen und über ein Arsenal an Spiegelneuronen, steht zu befürchten, dass dieses verkümmern könnte, wenn die Fähigkeiten nicht in der frühen Kindheit im sozialen Kontext trainiert werden. Die Anpassungsfähigkeit des Gehirns ist ein zweischneidiges Schwert: Sie erlaubt, Techniken neu zu erlernen, aber sie führt auch dazu, dass unsere neuronalen Netze, die lange nicht mehr genutzt wurden, von anderen Spezialisierungen übernommen werden.


Unsere Internetgewohnheiten drohen also nicht nur unseren Alltag zu verändern, sondern auch unser Denken und möglicherweise unser Mitgefühl sowie unsere Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen. Wir brauchen einen realen Strom an Eingangssignalen von anderen Menschen, um die menschlichste aller Tätigkeiten - zu ergründen, was andere Menschen denken und fühlen - so gut wie möglich auszuführen. Das Internet hat sich hier in vielen Studien nicht als adäquater Ersatz erwiesen.


Aufgabe eines interdisziplinären Wissenschaftskonsortiums sollte es nun sein zu beurteilen, wo der Schein der Effektivität in Wirklichkeit Sucht und Ineffektivität erzeugt. Wir müssen klären, wo und wie Medien geschaffen sein sollten, damit sie unser Denken fördern. Dies kann man nicht der Macht des Faktischen oder kommerziellen Interessen allein überlassen. Stattdessen sollten wir in unseren Köpfen den Zweifel ebenso fördern wie die Kreativität, diese wunderbar sympathische Tätigkeit unserer Gehirne. Gerade um des Fortschritts willen ist der Zweifel wichtiger denn je.

(Martin Korte lehrt Zelluläre Neurobiologie an der TU Braunschweig. Im vergangenen Jahr erschien sein Buch "Wie Kinder heute lernen" (DVA))

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