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Dieses Thema hat 4 Antworten
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 ~* LYRIK ~~~ LITERATUR ~~~ APHORISMEN *~
Remi Offline




Beiträge: 3.132

25.04.2008 22:53
RE: Andrew Vachss-Genie und Wahnsinn antworten



Andrew Vachss ist ein Rechtsanwalt, der ausschließlich Kinder vertritt. Er war früher als Bundesermittler für Geschlechtskrankheiten, als Sozialarbeiter und als Gewerkschaftsorganisator tätig. Später leitete er ein Hochsicherheitsgefängnis für "gewalttätige" Jugendliche.
Mr. Vachss hat ein Sachbuch geschrieben, siebzehn Romane, drei Comic-Serien, ein "Kinderbuch für Erwachsene" und zwei Kurzgeschichtensammlungen. Seine Artikel erscheinen in zahlreichen Zeitungen und Zeitschriften. Diese Website enthält unter anderem Informationen über Neuerscheinungen und Auszüge aus seinen Non-Fiction Arbeiten.

Romancier Vachss gebraucht Literatur, um Kindesmißhandlung zu bekämpfen.

von Aleksandrz Rozens

Ursprünglich veröffentlicht in Reuters, 6. Januar 2003

NEW YORK, (Reuters): -Für den Autor von Kriminalromanen Andrew Vachss hat das Schreiben keine Priorität, sondern ist etwas, das der Rechtsanwalt für mißhandelte Kinder und Kämpfer gegen Gewalt an Kindern dann macht, wenn er die Zeit dazu findet.

"Ich mache das, wenn ich kann. Ich habe keinen Stundenplan um das Schreiben herum erstellt," sagte Vachss neulich in New York City, als er für sein neuestes Buch, "Only Child" warb.

Der Autor von fünfzehn Romanen und zwei Kurzgeschichtensammlungen vermeidet tägliche Routine. Wenn er nicht Kinder vertritt, die zu Opfern gemacht gemacht wurden, ist Vachss, früher Bundesuntersuchungsbeamter für sexuell übertragene Krankheiten und Direktor eines Hochsicherheitsgefängnisses für jugendliche Straftäter, damit beschäftigt, Ämter zu beraten, die Kindern helfen.

Das Schreiben dient als Geldquelle, um seinen Kreuzzug zu finanzieren; aber wichtiger für ihn ist es als ein Weg, Leute auf die Schrecken der Kindesmißhandlung und der vielen Formen, die sie annimmt, aufmerksam zu machen.

"Es gibt keine Grenze zwischen meinem Schreiben und dem, was ich tue. Mein Ziel ist das eines Journalisten. Ich versuche einfach, eine größere Zuhörerschaft zu bekommen, als ich in einem Gerichtssaal bekommen könnte, und das hat funktioniert", sagte Vachss, dessen Bücher in zwanzig Sprachen veröffentlicht wurden und routinemäßig von Hollywoodproduzenten vorgekauft werden; gleichwohl hat es noch keines von ihnen auf die große Leinwand geschafft.

Seine Bücher sprachen von pädophilen Priestern und Internetporno, lange bevor die breiteren Medien über sie schrieben, und in seinem neuesten Roman bietet er einen Thriller noir, der auch erforscht, wie Film die amerikanische Gesellschaft verändert hat.

HELD UNTERSUCHT TODESFALL

"Only Child" bringt Vachss' Helden Burke zurück nach New York, aus dem er in einem vorhergehenden Roman geflohen war. Er untersucht den Tod der unehelichen Tochter eines Statthalters des organisierten Verbrechens in einer Vorstadt auf Long Island, New York. Was Vachss' Untergrund-Verbrechens-Kämpfer entdeckt, ist ein Möchtegern-Filmregisseur mit einem Hang zur Grausamkeit. Bei der Montage von Filmsequenzen genießt er die Macht, eine "Szene" in seinem Film zu inszenieren, wobei sich die Schauspieler der Rollen, die sie spielen, nicht bewußt sind. Eine dieser Sequenzen endet in einem gemeinen Mord.

Das ist nicht so weit hergeholt, wie es klingt, warnte Vachss, wobei er hervorhob, daß die Verbreitung der Filmtechnik es für jedermann leichter gemacht hat, Filmregisseur zu werden. "Der Gedanke dahinter ist, daß Leute Bänder von Pitbullkämpfen machen, von Straßenrennen, Bandeninitiationen und Ladendiebstahl," sagte Vachss. "Die nächste Phase ist, wenn sie es inszenieren und nicht nur aufnehmen wollen." "All diese Verbrechen, über die ich schreibe, sind Verbrechen der Macht. Es gibt die, die es als die ultimative Macht ansehen, ein Regisseur zu sein. Nicht indem sie ein Drehbuch, sondern das Leben inszenieren," sagte Vachss. In "Only Child" entdeckt Burke, daß der Möchtegern-Regisseur hofft, von seinen Filmen zu profitieren, und illustriert damit ein fortwährendes Thema in Vachss' Werk: "Es gibt einen ungeheuren Markt für Grausamkeit. Eher jagt das Verbrechen den Dollars nach als umgekehrt." Wenn er zehn aufeinanderfolgende Tage bekomme, schreibe er, sagte Vachss, aber dann kann es einen Monat lang sein, daß er die Feder nicht auf's Papier setzt. Und wenngleich Vachss seinem Schreiben nicht täglich Zeit widmet, ist er nicht nachlässig. Seine Sachtexte zielen darauf ab, öffentliche Aufmerksamkeit für Verbrechen gegen die Jugend zu wecken, und es wird gerade ein weiterer Roman fertiggestellt, mit dem Titel "The Getaway Man".

Vachss, der seine Zeit zwischen New York und dem pazifischen Nordwesten aufteilt, half jüngst Pläne für das zu zeichnen, was er die ideale Hochsicherheitseinrichtung nennt. Dieses Gebäude, das in Oregon in Betracht gezogen wurde, mag jedoch wegen der schwächelnden U.S. Wirtschaft so bald nicht gebaut werden.

Es ist alles Teil der Kampagne eines Mannes, die öffentliche Aufmerksamkeit für die verschiedenen Formen von Kindesmißhandlung zu wecken. "Alles, was ich tue ist, wie immer, zu sagen: 'Seid wachsam!'"



Andrew Vachss' erster Burke-Roman , im Original Flood

Aus dem Amerikanischen von Georg Schmidt

Leseprobe:

n Sachen Dobermann
von Andrew Vachss

Draußen vor Floods Studio war alles verlassen, nichts los in den Hallen. Ich drückte nach dem Frachtaufzug und lief zur Treppe, als ich hörte, wie er sich in Bewegung setzte. Checkte den Fahrstuhleingang, keiner da. Der Plymouth hockte unberührt, wo ich ihn gelassen hatte. Ich erwartete nichts anderes - jeder Doofe, der die Reifen abzunehmen versuchte, mußte rasierklingenfeste Handschuhe tragen, nur für Anfänger.

Ich war im Büro zurück, just als die Sonne über den Hudson kam. Ein paar einzelne Männer standen im Angelzeug an den Piers und richteten sich für den Tag ein. Die Fische im Hudson geben nicht viel her, werden weder groß, noch haben sie leuchtende Farben. Aber die Jungs, die da unten fischen, erzählen mir, daß sie einen Höllenkampf liefern. Ich stellte mir vor, daß jeder Fisch, der im Hudson River überlebte, taff sein mußte wie ein Hund, der im Asyl aufwächst. Oder wie ein Kind, das beim Staat aufwächst.

Ich stellte den Wagen weg und nahm mir vor, ihm etwas kosmetische Chirurgie zukommen zu lassen, bevor ihn dieser Fall mit Flood zu auffällig machte. Ging hinauf, deaktivierte alles und sperrte mir auf. Pansy schenkte mir ein halbherziges Knurren, bloß um mir zu zeigen, daß sie im Dienst war, dann peste sie rüber und wedelte mit ihrem Stummelschwanz. Sogar ohne das Sicherheitssystem wußte ich, daß keine Besucher dagewesen waren. Pansy war aus demselben Holz wie mein alter Dobermann names Devil geschnitzt, und niemand kam hier rein, ohne daß der Krieg ausbrach.

Das war einmal passiert, und es gab Blumberg die große Chance, sich wie ein echter Anwalt aufzuführen. Ich versteckte einen gewissen Herrn in meinem alten Apartment. Er teilte mir mit, daß Leute ihn suchten, aber er sagte nicht, daß diese Leute blaue Joppen und Abzeichen statt Büroanzügen trugen. Jedenfalls, während ich weg war und wieder ein paar Kisten zu richten versuchte, kamen die Cops und beschlossen, meinem Besitztum eine Vollmacht der Firma Smith & Wesson angedeihen zu lassen. Sie donnerten die Tür ein, und Devil schlug mitten zwischen ihnen ein. Mein Klient hatte mehr als reichlich Zeit, durchs hintere Fenster zu verschwinden, und Devil schnappte sich zwei der Cops, bevor sie klüger waren und sich zurückzogen und der Tierschutzverein eintraf. Diese Kasper verpaßten meiner Hündin eine Ladung Tranquilizer und karrten sie ins Asyl. Als ich endlich herausfand, was ablief, war sie bereits hinter Gittern und wartete auf Adoption oder Hinrichtung, was zuerst kam. Genau wie eine Masse Kids in den Waisenhäusern.

Der Tierschutzverein wollte sie mir zuerst nicht zurückgeben, sie sagten, der Schwerkriminalitätstrupp wolle sie zum Beweis behalten. Die Wichser - ich wußte, daß sie nie redete. Jedenfalls, als ich endlich bewies, daß der Dobermann wirklich meine Hündin war, teilten sie mir mit, sie würde bis zur Adoption festgehalten. Ich dachte mir, sie könnten das ernst gemeint haben, da sie ein viel zu edles Tier war, um einfach in die Gaskammer gesteckt zu werden, aber ich war nicht bereit, sie so leicht aufzugeben. Also suchte ich Blumberg auf.

Glücklicherweise war es da bereits später Nachmittag, und das Nachtgericht trat bald zusammen. Ich erklärte Blumberg den Vorfall, und er eröffnete seine gewohnt sensible Sondierung: "Burke, hast du das Geld, mein Junge?"

"Wieviel, Blumberg?"

"Tja, das ist eine größere Sache, mein Junge. Ich kenne keinen juristischen Präzedensfall, der hierfür in Frage kommt. Wir müssen hier ein Gesetz schaffen, es bis vors Appellationsgericht bringen, vielleicht sogar in den Süddistrikt. Du und dein sauberer Hund, ihr habt verfassungsmäßige Rechte, und ohne Rechtsmittel gibt es keine Rechte. Und Rechtsmittel sind, wie du weißt, nicht billig."

"Blumberg, ich hab'nen glatten Hunni, basta. Nicht einen Groschen mehr. Und ich will eine Garantie, daß ich meine Hündin wiederkriege."

"Bist Du närrisch? Keine Garantie - das ist in meinem Beruf die Regel. Warum? Ich kann von der Kammer ausgeschlossen werden, wenn ich so was nur erwähne."

"Du meinst, du bist nicht?"

"Das ist nicht lustig, Burke. Die Sache wurde fallengelassen. All die gegenstandslosen Anschuldigungen wegen Fehlverhaltens meinerseits sind aus den Akten getilgt worden."

"Was ist mit den Anschuldigungen, die nicht gegenstandslos waren?"

"Burke, wenn du mit deiner negativen Einstellung so weitermachst, können wir nicht ins Geschäft kommen."

"Sam, komm schon, ich mein's ernst. Ich weiß, daß du der Beste im Geschäft bist, wenn du bloß willst. Hier geht's nicht um irgendeinen Ganoven, der ein Jahr nach Riker's Island geht. Meine Hündin hat nichts getan - und diese Mistkerle vom Tierschutzverein sind fähig, sie zu vergasen, wenn ich sie nicht rauskriege."

"Oh, ein Fall mit möglicher Todesstrafe, oder? Tja, normalerweise fordere ich siebeneinhalb für kapitale Fälle, aber angesichts des Umstands, daß du es bist, übernehme ich den Fall für die fünfhundert, die du geboten hast. Hast du sie bei dir?"

"Sam, ich sagte einen Hunni, nicht fünf. Ich verdopple - mehr kann ich nicht. Hälfte voraus, Hälfte, wenn's vorbei ist."

"Bist Du vollkommen verrückt, mein Junge. Sei vernünftig. Wo bliebe ich, wenn ich zuließe, daß meine Klienten die halbe Gage zurückhalten, bis sie zufrieden sind?"

"Du wolltest für fünfzig Prozent deines üblichen Satzes arbeiten."

"Ich bin gewillt, diesen Kommentar angesichts der Tatsache, daß du offensichtlich wegen des möglichen Verlustes deines geliebten Schoßtieres gramgebeugt bist, zu ignorieren. Und, mein Junge, wie es so passiert, hast du Glück. Richter Seymore hat heute den Vorsitz, weil sie ihren Terminplan so bepackt haben. Da er Richter am Obersten Gerichtshof ist, werden wir nicht bis morgen früh warten müssen, um deinen Antrag auf Haftverschonung einzubringen."

Und es lief, wie Blumberg sagte. Er war zu gewitzt, um zu versuchen, den Fall auf die Tagesordnung zu setzen, da das Nachtgericht nur zu Anklageerhebung dient; also wartete er, bis er in einem Fall von Ladendiebstahl vor dem Richter war. Bevor der arme Mandant überhaupt wußte, wer sein Anwalt war, hatten Blumberg, der Staatsanwalt und der Richter den Fall geschwind in Ungebührliches Betragen abgewandelt. Den Mandanten traf eine Fünfzig-Dollar-Geldbuße und eine bedingte Verfahrenseinstellung, und er wurde rüber zur Protokollführerbank geführt, während er Blumberg immer noch dafür zu danken versuchte, daß er ihn vor den zehn Jahren Haft gerettet hatte, die ihm der fette Mann als durchaus im Bereich des Möglichen liegend garantiert hatte. Dann zog Blumberg seine Weste über den ausladenden Bauch, räusperte sich mit derartiger Autorität, daß das gesamte Gericht verstummte, und widmete sich dem Richter mit tönendem Bariton:

"Euer Ehren, an diesem Punkt habe ich im Namen meines Klienten, der im Augenblick eingekehrt ist und die Hinrichtung erwartet, einen außerordentlichen Antrag zu stellen."

Der Richter wirkte verwirrt. Seine Kumpel drüben am Obersten Gericht hatten ihm alles verraten, was bei der Nachtklage geschehen konnte, aber nichts hatte ihn auf dies hier vorbereitet. Er blickte scharf zu Blumberg auf, und mit der Stimme, die eine Mischung aus purer Verachtung und Einschüchterungsversuch sein sollte, sagte er: "Herr Verteidiger, sicher ist ihnen klar, daß dieses Haus nicht das passende Forum für solche Angelegenheiten ist."

Blumberg ließ sich nicht abschrecken. "Euer Ehren, wenn das Haus gestattet. Euer Ehren sind Richter im Obersten Gericht und, so ich das hinzufügen darf, ein äußerst einflußreicher Rechtskundiger. In der Tat weiß ich aus persönlicher Erfahrung, daß Euer Ehren grundsätzlich Rechtsmeinung viele Jahre lang verbindlicher Lehrstoff für Rechtsstudenten war. Als bestallter Richter am Obersten Gericht verfügen Euer Ehren über die Jurisdiktion bei schlüssig dargelegten, außerordentlichen Eingaben, und Euer Ehren sollten sich bewußt sein, daß diese Angelegenheit von äußerst dringlicher Brisanz ist, ist doch, und das mit Gewißheit, das Leben meines Klienten überaus bedroht."

Der Richter versuchte einzuschreiten und sagte: "Herr Verteidiger, wenn sie gestatten", aber ebensogut hätte er versuchen können, eine hungrige Ratte mit Käse fernzuhalten. Blumberg wischte die schwachen Versuche des Richters, seinen rhetorischen Lavafluß zu stoppen, beiseite und knallte ihm gleichzeitig sein Meisterstück vor.

"Euer Ehren, wenn das Haus gestattet. Ein Leben ist ein heilig Ding - man trampelt nicht darauf herum oder befindet es für gering. Das Vertrauen der Öffentlichkeit in das Rechtssystem muß mit aller Wachsamkeit geschützt werden, und wer wäre besser für die Rolle des Beschützers geeignet, als ein Richter des Obersten Gerichtshofes? Euer Ehren, mein Klient gewärtigt den Tod - einen grausamen und schändlichen Tod durch die Hände von Vertretern des Staates. mein Klient hat nicht gefehlt, und doch kann mein Klient in eben dieser Nacht sterben, falls Euer Ehren mein Plädoyer nicht hören. Die Herren Pressevertreter" - hier wies Blumberg mit einem Handschwung auf einen einsamen Hofberichterstatter der Daily News, als ob der arme Junge eine ganze Galerie beflissener Schreiberlinge darstellte - "befragten mich zu dieser Sache, bevor ich den erlauchten Gerichtssaal betrat, und selbst so abgehärtete Männer wie sie wunderten sich, wie eine Sache wie eine überstürzte Exekution ohne Verfahren eigentlich in diesen, unseren Vereinigten Staaten stattfinden könne. Euer Ehren, dies ist Amerika, nicht der Iran!" Hierauf begann sich die ausgefranste Ansammlung von Krücken, Versagern und Lumpenproletariern zu rühren, und ihr gedämpftes Brummen möbelte Blumberg auf wie eine Bluttransfusion. "Selbst der gemeinste Schurke hat Anspruch auf ein entsprechendes Verfahren - selbst der Ärmste unter uns hat Anspruch auf den Tag des Gerichts. Wenn Euer Ehren mir nur erlauben möchten, die Fakten in diesem Fall darzulegen, so bin ich gewiß, daß Euer Ehren genauestens sehen -"

"Herr Verteidiger, Herr Verteidiger, bitte. Mir fehlt noch das Verständnis dafür, wovon sie reden, und, wie sie wohl wissen, ist unsere Tagesordnung heute abend sehr umfangreich. Aber im Interesse der Justiz und auf ihre Einlassung hin, daß sie sich kurz fassen werden, werde ich ihren Antrag hören."

Blumberg fuhr mit der Hand durch das, was von seinem räudigen Haar übrig war, holte tief Atem, hielt inne, um sich zu vergewissern, daß jedes Auge und Ohr auf ihn konzentriert war, und prellte dann vor. "Euer Ehren, letzte Nacht wurder der Grund und Boden, auf dem mein Klient arbeitet, von bewaffneten Polizeibeamten heimgesucht. Diese Beamten waren nicht mit Schriftstücken ausgestattet; sie waren nicht mit Verdachtsmomenten ausgestattet, sie waren nicht mit einer Rechtfertigung ihrer Tat ausgestattet. Aber sie waren mit tödlichen Waffen ausgestattet, Euer Ehren. Die Tür wurde eingetreten - mein Klient wurde gewaltsam physisch angegriffen - und als er kühn einer unrechtmäßigen Festnahme zu widerstehen suchte, rief die Polizei zusätzliche Kräfte herbei und schoß brutal mit einem sogenannten Betäubungsgewehr auf meinen Klienten, womit sie ihn fühllos und zum Widerstand unfähig machten. Dann wurde mein Klient die Treppe hinab und in einen Käfig gezerrt und wird nun gegen seinen Willen festgehalten. Man teilte mir mit, daß mein Klient standrechtlich exekutiert wird, möglicherweise in eben dieser Nacht, wenn dieses Haus nicht interveniert und eine Tragödie verhindert."

"Mr. Blumberg. Sie bringen hier eine erschreckende Anklage vor. Ich weiß von keinem derartigen Vorfall. Wie lautet der Name des Klienten?"

"Der Name meines Klienten lautet... äh, der Name meines Klienten lautet Dobermann, Euer Ehren."

"Dobermann, Dobermann. Was ist ... wie lautet der Vorname ihres Klienten, wenn sie gestatten?"

"Nun, Euer Ehren, tatsächlich ist mir zu diesem Zeitpunkt der volle Namen meines Klienten nicht geläufig. Jedoch ist meines Klienten Besitzers im Saal", er gestikulierte rüber zu mir, "und wird mit dieser Information dienen."

"Ihres Klienten Besitzer? Herr Verteidiger, falls sie das für einen Scherz halten -"

"Ich versichere ihnen, daß es kein Scherz ist, Euer Ehren. Vielleicht haben sie in den Spätzeitungen über den Fall gelesen?"

Plötzlich dämmert ihm ein Licht. "Herr Verteidiger, beziehen sie sich etwa auf die Bemühungen der Polizei, heute am frühen Abend an der Lower East Side einen flüchtigen Gesetzesbrecher zu stellen?"

"Exakt und präzise, Euer Ehren."

"Aber ich las, daß der Flüchtige entkam."

"Ja, Euer Ehren, der Flüchtige entkam - aber nicht mein Klient. Und mein Klient wird ohne eigenes Verschulden beim Tierschutzverein festgehalten und wird hingerichtet werden, wenn er seinem rechtmäßigen Besitzer nicht zurückgegeben werden kann."

"Mr. Blumberg! Wollen sie sagen, daß ihr Klient ein Hund ist? Sie dringen in meinen Gerichtssaal mit einer Habeas-Corpus-Verfügung für einen Hund ein?"

"Euer Ehren, bei aller gebührenden Achtung, ich ziehe es vor, diesen außerordentlichen Antrag in Anbetracht der einzigartigen Natur meines Klienten hierbei als eine Verfügung nach Habeas canis zu bezeichnen."

"Habeas canis. Herr Verteidiger, dieses Gericht gibt sich nicht als Gegenstand des verdrehten Sinns für Humor eines einzelnen Anwalts her. Verstehen sie das?"

"Euer Ehren, bei aller gebührenden Achtung, ich verstehe das vollkommen. Aber hätte ich den langen Wege des herkömmlichen zivilen Rechts zu beschreiten, ich hätte keinen Zweifel, daß mein Klient verblichen wäre, noch bevor ich auf die Tagesordnung kommen könnte. Euer Ehren, unabhängig davon, wie wir ein Gericht nennen, sei es eine Strafkammer, der Oberste Gerichtshof, ein Nachlaßgericht oder Familiengericht, es sind alles Kammern von Recht und Gesetz. Sie sind Foren, durch welche wir als Volk unser Recht auf Gerechtigkeit ausüben. Mein Klient mag ein Hund sein - und ich kann freimütig sagen, daß ich als solche von diesem Haus bezeichnete Individuen vor eben diesem Gericht vertreten habe, selbst wenn sie sowohl Vor - als auch Familiennamen besaßen - aber mein Klient ist dennoch ein lebendes Wesen. Ist nicht das Leben an sich gesegnet und heilig? Kann ein Anwalt, den man gebeten hat, das Leben eines geliebten Haustieres zu schützen, sich deswegen verweigern, weil ein paar verfahrensmäßige Feinheiten im Wege stehen?"

Inzwischen ritt Blumberg auf den Grundfesten des überfüllten Gerichtssaales - Menschen, die normalerweise nicht mal zwinkern würden wegen irgendwelcher in Krematorien geschmissener Babys, ereiferten sich über diesen Fall von Tiermißhandlung. In der seltenen Position, einen populären Fall zu vertreten, prellte der fette Anwalt vor. "Euer Ehren, an diesem Punkt muß ich sagen, daß ich lieber einen Hund in Amerika wäre als einer jener sogenannten Bürger in Ländern, die sich nicht unserer Freiheiten und Grundrechte erfreuen. Mein Klient hier ist nicht der erste Klient, den ich vertrete und der die Verfahrensweisen dieses Hauses nicht kennt, und er wird nicht der letzte sein. Mein Klient hat seine Pflicht getan. Er gab sein Letztes für seinen Besitzer - muß er auch sein Leben geben? Mein Klient ist jung, Euer Ehren. Falls er einen Fehler beging, so war der Fehler ehrenwerter Natur. Wie hätte er wissen sollen, daß die Menschen, die seines Meisters Tür zertrümmerten, rechtmäßig Bedienstete der Polizei waren? Vielleicht hielt er sie für Einbrecher oder bewaffnete Räuber oder irrgekiffte Wahnsinnige. Es gibt gewiß genug von diesen Leuten in unserer schönen Stadt. Euer Ehren, ich bitte euch, schont meines Klienten Leben. Laßt ihn noch einmal im Sonnenschein herumtollen, seinen erwählten Beruf ausüben, vielleicht Nachkommen zeugen, die den stolzen Namen Dobermann fortführen werden. Ein Leben ist heilig, Euer Ehren, und kein Mensch sollte leichtfertig über eines verfügen. Das, Euer Ehren, so unterbreite ich in aller Ehrfurcht, ist Sache des Allmächtigen, und Seine allein. Ich bitte dieses Haus, lassen sie meinen Klienten frei!"

Bis dahin weinte Blumberg regelrecht, und die Zuschauermenge war klar auf seiner Seite - selbst der Gerichtsbediensteten stets gegenwärtiges Hohnlächeln war Blicken voller Mitleid für ein vom Auslöschen bedrohtes junges Leben gewichen.

Der Richter versuchte es noch einmal, wußte aber, daß er zum Scheitern verdammt war "Herr Verteidiger, können sie zur Unterstreichung ihrer Argumente einen einzigen Präzedenzfall zitieren?"

"Euer Ehren", klinkte sich Blumberg aus, "einem jeden Hund gebührt sein Tag!" Und er kriegte die vielleicht ersten stehenden Ovationen, die im New Yorker Nachtgericht je gegeben wurden.

Der Richter zitierte mich zum Tisch, vergewisserte sich, daß ich der Hundebesitzer war, und nahm uns alle nach hinten in sein Zimmer. Er machte einen raschen Anruf beim Tierschutzverein, informierte einen durch und durch eingeschüchterten Wächter über die mögliche Straffälligkeit, der sie sich gegenübersahen, falls sie meinen Hund töteten. Bloß um sicherzugehen, tippte ich einen Entlassungsschein auf bedrucktem Amtspapier vom Schreibtisch der Sekretärin, während dem Richter von Blumberg zu seiner juristischen Weisheit gratuliert wurde. Ich holte meinen Hund ab und nahm ihn zum Maulwurf auf den Schrottplatz, wo er sich dem Rudel anschließen konnte. Niemand kennt den Namen auf des Maulwurfs Geburtsurkunde, aber er lebte unter der Erde, und er ist verläßlich wie der Tod. Ich hörte später, daß Blumberg zig Fälle aus der Galerie einsammelte, während ich weg war. Die meisten Typen haben nicht mal den Schneid, aufs Eingemachte zurückzugreifen, wenn sie es müssen, aber Blumberg hatte tatsächlich etwas drauf, wenn er es tat.

Während des Dobermanns Nachfolgerin ihr Hausdach abstöberte, hob ich an, die Vorbereitungen für die kommende Jagd zu treffen.

© 1998 Andrew Vachss. All rights reserved.

"Vachss' harter Stil packt Dich bei den Haaren und erzwingt Deine Aufmerksamkeit."
—Detroit Free Press

"Ein außergewöhnlicher Thriller... Vachss schreckt niemals vor dem Horror zurück."
—Washington Post Book World

"Burke würde Spade und Marlowe glatt zum Frühstück verspeisen, ohne auch nur die Knochen auszuspucken. [Er] ist ein tougher, übler, Bitte-Gott-ihn-nicht-zu-treffen Bursche."
—Boston Herald
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Ende Teil I

Der Blues wurde deshalb erfunden, weil die Seele vieler Menschen sonst noch schneller verkümmert wäre!


Remi Offline




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25.04.2008 22:55
#2 RE: Andrew Vachss-Genie und Wahnsinn antworten



Strega

Ein Burke-Roman von Andrew Vachss

Aus dem Amerikanischen von Georg Schmidt

Die dritte Schicht fing gerade an, als ich mit dem großen Plymouth die Flatbush Avenue hoch zur Tankstelle rollte. Ich lenkte vor die Super-Zapfsäule, bat den Tankwart, ihn vollzumachen, und sah, wie der verschlagen blickende Dreckskerl Benzin für zusätzliche achtundzwanzig Cents über die Seite meines Autos spritzte, damit er auf die glatte Summe kam und das Wechselgeld nicht ausrechnen mußte. Als er zum Fenster herum kam, sagte ich bloß: "Julio?", und er nickte nach hinten. Bevor er nach seiner Asche fragen konnte, stieß ich den Knüppel auf "Fahren" und zog davon.

Sobald ich hinter die Tankstelle stieß und den weißen Coupe deVille sah, wußte ich, daß Julio einen seiner Schläger zum Auszahlen geschickt hatte - der alte Mann hält das für einen Klasseakt. Das Fenster auf der Fahrerseite des weißen Caddy war runter - der Kerl im Inneren erblickte den Plymouth und öffnete seine Tür, noch bevor ich zum Stehen kam.

Genau was ich erwartet hatte: ein reinrassiger Stronzo - zirka fünfundzwanzig Jahre alt, geföntes Haar über einem klotzigen Gesicht mit Atlantic-City-Bräune und dunkler Brille, das weiße Seitdenhemd bis zur Brust offen, so daß ich die Goldketten sehen konnte, enge dunkle Hosen, glänzende schwarze Stiefeletten. Seine Ärmel waren weit genug hochgerollt, um mir die muskulösen Unterarme zu zeigen, ein schweres Goldarmband am einen Handgelenk, eine flache Golduhr am anderen. Zentrale Bühnenvermittlung.

Der Stronzo stieg aus einem Caddy, stieß die Tür hinter sich zu und schlenderte rüber zu mir.

"Bist du Burke?" wollte er wissen.

"Sicher", sagte ich. Ich war nicht zum Reden hergekommen,

"Ich hab was für dich- - von Mr.C."

Ich steckte die linke Hand aus, Fläche nach oben, und hielt die Rechte so, daß er sie nicht sehen konnte.

"Ich hab hier zehn Riesen", sagte er und klopfte sich auf die Tasche.

Ich sagte nichts - der Wichser war über irgendetwas unglücklich, doch das war nicht mein Problem.

Er linste in den Plymouth und beobachtete mein Gesicht.
Und dann rückte damit raus. "Auf mich wirkst du gar nicht taff, Mann. Was immer du für den Alten getan hast - ich hätt´s auch gekonnt."

"Gib mir das scheiß Geld", beschied ich ihm freundlich. "Ich bin nicht hier rausgefahren, um mir deine Schmonzette anzuhörn."

"He, du Arsch, willste nicht zuhören. Geld siegt, richtig?"

"Weiß ich nicht, Kleiner. Aber das Geld, das du hast, fliegt besser, verstehst du?" - und ich öffnete und schloß meine Hand ein paarmal , damit er die Botschaft kapierte.

Der Stronzo nahm seine dunkle Brille ab, hängte sie an seine baumelnden Kettchen und tat so, als denke wirklich darüber nach, mich nicht zu bezahlen - oder er tat nur so, als denke er wirklich, ich konnte nicht sagen, was. Dann entschied er sich. Er reichte mir ohne weiteres Wort den Umschlag, hatte aber noch etwas im Sinn. Ich schmiß den Umschlag auf den Rücksitz, damit er über was anderes nachdenken konnte. Ich nahm den Fuß von der Bremse, und der Plymouth begann vorwärts zu rollen.

"He!" sagte er. "warte ´ne Sekunde."

"Was?"

"Äh... schau, Mann. Wenn Du jemals irgendwen bei der Arbeit brauchst..., du weißt schon.
Ich könnte immer ´n bißchen Extraknete brauchen, klar?"

"Nein", beschied ich ihn, das Gesicht undurchdringlich wie eine Gefängnismauer.

"He, hör mir doch bloß ´ne Minute zu, okay? Ich hab Erfahrung, weißt du, was ich sage?"

"Kleiner", erklärte ich ihm, "von mir gibt´s Steckbriefe, die sind älter als du", und wollte wieder anrollen.

Die Hand des Stronzo marschierte wieder in seine Tasche, doch diesmal brachte er einen kurzläufigen Revolver zum Vorschein - er steckte ihn durch das offene Fenster und hielt ihn mir ruhig zirka fünf Zentimeter vors Gesicht.

"Mach keinen scheiß Mucks! Kapierste das? Du bleibst, beim Arsch nochmal, da sitzen und hörst zu, wenn ich rede, verstehst du? ich bin kein scheiß Nigger, den du einfach stehen läßt - ich rede mit dir."

Ich blickte ihn an, sagte nichts. Es gab nichts zu sagen - Julio schickte mir einen Botenjungen mit gefährlichem Größenwahn.
Heutzutage gutes Personal zu finden ist schwer.

"Zeig mir gefälligst ´n bißchen Respekt, hä?" bellte der Stronzo, "Du bist kein´ Scheiß besser als ich."

"Yeah, bin ich", beschied ich ihn, nett ruhig und sachte.

"Bevor ich´s tu, denk drüber nach, was ich tu. Denk du jetzt drüber nach. Denk drüber nach, daß ich allein hierher gekommen bin. Denk drüber nach, wie du von hier rauskommen willst. Denk drüber nach, was du dem alten Mann erzählen willst. Denk drüber nach... und dann denk drüber nach, was du zu sagen hast - und sag es."

Der Stronzo versuchte nachzudenken und gleichzeitig die Knarre auf mich zu richten. Es war zu viel des Guten und überforderte sein Hirn. Der Kurzläufige zitterte für eine Sekunde in seiner Hand, und er schaute ihn an, als ob er ihn ausgetrickst hätte. Als seine Augen wieder zu mir hochkamen, blickte er auf die abgesägte Schrotflinte, die ich in meiner rechten Hand hielt.

"Ich höre", erklärte ich ihm. Aber er hatte nichts zu sagen.

"Du weißt, wie man das Ding lädt?" fragte ich ihn. "Oder hat das jemand für dich gemacht?"

"Ich weiß..." murmelte er.

"Dann entlade es, Scheiße nochmal, Kleiner. Und mach langsam - oder ich puste dir deine hübschen Goldketten mitten durch die Brust."

Er richtete den Revolver nach oben, klappte die Trommel raus, hielt sie umgedreht und ließ langsam die Patronen rausfallen. Sie machten ein leises Plopp-Geräusch, als sie am Boden aufschlugen. Auf dem Hinterhof gab es soviel feuchten Schrott, daß man ohne allzuviel Lärm einen Safe aus dem zehnten Stock hätte fallen lassen können.

"Hör mir zu", sagte ich ruhig, wie ein Totengräber. "Du hast ´nen Fehler gemacht. Wenn du auch nur dran denkst, noch einen zu machen, dann geh und mach dein Testament, verstanden?"

Er nickte bloß. Schon besser. Ich tippte aufs Gas, und der Plymouth rollte vom Hof und steuerte heimwärts. Als ich die Flatbush Avenue kreuzte, hatten meine Hände aufgehört zu zittern.

© 1987 Andrew Vachss. All rights reserved.
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Bluebelle

Ein Burke Roman

Aus dem Amerikanischen von Georg Schmidt

Ich stieß mit dem Plymouth in die Garage, zeigte Belle die Hintertreppe, bedeutete ihr voranzugehen. Ihre schwingenden Hüften machten die Treppe schmal. Sie wußte, was sich gehörte - gab auf dem Weg nach oben keinen Laut von sich. Als wir zur Bürotür kamen, schob ich sie sachte zu Seite, während ich mir die Schlösser vorknöpfte.

Ich ging zuerst rein, sagte gleichzeitig: "Pansy, spring!" Sie schmiß sich zu Boden, den Monsterkopf in Richtung Belle gewandt. Ich machte eine Handbewegung, die ihr erklärte, daß alles okay wäre, und sagte Belle, sie könnte reinkommen.

"Das ist Pansy" sagte ich. Belle stand wie angewurzelt auf der Schwelle zum Büro. "Großer, gütiger Gott! Das ist ein Hund? Er schaut aus wie ein Sumpfpanther. Was für 'ne Sorte ist das?" "Sie ist ein neapolitanischer Mastiff. Der schönste neapolitanische Mastiff auf der Welt, nicht wahr, mein Mädchen?" fragte ich Pansy, während ich ihr den Kopf rubbelte. Pansy knurrte zustimmend und ließ vor lauter Glück die Zunge raushängen.

Belle hatte sich nicht gerührt. "Geh und setz Dich auf die Couch", sagte ich ihr. "Es ist okay." Gehorsam ging Belle zur Couch, setzte sich hin, als wäre sie in der Kirche, Knie zusammengepreßt, Hände im Schoß. Ich breitete die Arme weit aus, erklärte Pansy, sie wäre entlassen. Das Biest zockelte rüber zu Belle, hockte sich vor die Couch, reckte den Kopf. Belle rührte sich nicht. Pansy rammte ihr den Kopf auf den Schoß, stupste an die Hände, forderte ihre Streicheleinheit. Oder was anderes. "Sie tut dir nicht weh", sagte ich. Belle tätschelte Pansy halbherzig. Das Biest gab ein tiefes Grollen in der Brust von sich. Belles Hand zuckte weg. Pansy schob ihren Kopf wieder auf Belles Schoß. "Sie möchte bloß Freundschaft schließen." "Burke, ich schwör's bei Gott, sie erschreckt mich zu Tode." "Das ist ihr Glücksgrollen", versicherte ich ihr. "Wieviel wiegt sie?" "In etwa soviel wie du." "Dafür würd ich dich küssen,. wenn ich nicht so viel Schiß hätte, die Couch zu verlassen."

Ich ging ins Nebenzimmer, holte etliche Streifen Steak aus dem Kühlschrank, schmiß Pansy einen zu und sagte gleichzeitig: "Sprich!" Das Steak verschwand. Ich warf ein weiteres Stück auf den Boden und beobachtete, wie Pansy drübersabberte. "Warum frißt sie nicht?" "Sie wartet auf das Wort." "Was du grad gesagt hast?" "Jawoll." Belle blickte auf Pansy, sagte im gleichen Tonfall wie vorher ich "Sprich!" Pansy ignorierte sie. "Funktioniert es nur, wenn Du es sagst?" "Das stimmt" "Naja, dann sag es. Sonst trifft den armen Hund noch der Schlag." Pansy warf Belle einen dankbaren Blick zu, als ich ihr das Stichwort gab. Sobald sie das Steak verputzt hatte, kam sie zur Couch zurück. Belle tätschelte sie mit ein bißchen mehr Vertrauen. "Ich glaub, sie mag mich, Burke. Kann sie noch ein paar Tricks?" "Das sind keine Tricks", sagte ich ihr. "Pansy arbeitet.Genau wie du und ich."

Ich gab Pansy das Zeichen, und sie kam rüber zur Tür. ich öffnete sie, und sie verschwand im Dämmerlicht. "Wo geht sie hin?" "Aufs Dach." "Es muß herrlich sein-können wir raufgehen?" "Belle", sagte ich, "vertraue mir. Das Dach ist einer jener Orte, wo du nie und nimmer hinwillst." "Kann ich rauf?" "Sicher. Es ist Okay - Pansy versteht das."

Ich zeigte Belle das restliche Büro. Ich ließ sie allein rumschnüffeln, während ich die Ausschnitte, die Morelli mir besorgt hatte, auf dem Schreibtisch ausbreitete. Inzwischen hätte ich was vom Prof hören sollen. Belle kam rein, legte mir die Hand auf die Schulter. "Kennt mich Pansy ab jetzt?" "Sicher" "Wenn ich also allein kommen würde... wenn ich einen Schlüssel hätte... würde sie mich reinlassen?" "Sie würde dich in Stücke reißen, Belle." "Oh", sagte sie mit ihrer Kleinmädchenstimme und behielt Pansy im Auge, die wieder reinkam und sich in einer Ecke einrollte.

Ich drückte meine Zigarette aus, wollte unbedingt auf die Straße sehen, ob der Prof sich gemeldet hatte. "Möchtest du was essen?" "Wenn du auch möchtest, Schatz." "Ich dachte, du wärst am Verhungern." "Ich kann auf das, was ich will, warten", sagte sie, und ihre Stimme war immer noch zu klein für ihren Körper. "Ich hab auf dich gewartet." Ergo hatte sie auf der Suche nach dem idealen Abgreifer rauf-und runterüberlegt. Tolles Ding.

"Gehn wir", sagte ich. Belle rieb mir immer noch die Schulter, beobachtete die Hündin. "Wird sie eifersüchtig, wenn ich dich küsse?" "Schert sich den Deibel drum". "Ein Mädchen nach meinem Geschmack", sagte Belle und küßte mich seitlich auf den Mund.
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Hard Candy

Ein Burke-Roman

In den dunklen Strasse von Manhattan macht ein hässliches Gerücht die Runde: Bei Burke sollen die letzten Sicherungen durchgeknallt sein - man sagt er sei jetzt ein Berufskiller. Das trifft nicht zu, aber es bedeutet trotzdem Ärger. Burke, ohnehin angeschlagen nach dem dramatischen Kampf gegen den Karate-Freak Mortay, muss dieses Gerücht widerlegen: Sein Überleben in der Halbwelt des großen Apfels hängt davon ab, dass er stets die Balance auf dem schmalen Grat zwischen Gesetz und Gangstern hält.

"Wer KATA, STREGA und BlUEBELLE verpasst, dem entgeht nicht nur die beste Kriminalliteratur, die heute geschrieben wird, sondern auch ein beissender Kommentar zum Zustand unserer Gesellschaft."

Martha Grimes
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Blossom

Ein Burke-Roman von Andrew Vachss

Ich rangierte den Lincoln auf den überwiegend leeren Parkplatz, hatte eigentlich vor, im Auto zu bleiben und auf sie zu warten. Links von mir heulte ein Motor auf und Blossom erstarrte in ihrem Sitz. Reifen kreischten. Ein oranger Camaro zog enge Kreise vor einem schwarzen Ford und einem blauen Nova, daß der Splitt spritzte und der Dreck vom Asphalt flog. Der Camaro brach aus dem Kreis aus, kurvte zurück und schoß zwischen den anderen Autos durch in Richtung Mitte. Es sah aus wie ein Luftkampfmanöver auf der Erde, wenn die Autos sich aus der Formation lösten und zum Sturzflug auf die Mitte ansetzten.

Die Autos fächerten auf, und wir sahen es beide gleichzeitig. Eine Möwe, die eine Schwinge abgespreizt über den Boden schleifend, unbeholfen auf den schwimmhautbewehrten Füßen. In der Falle - der Schnabel offen, mit orangen Augen die Autos beobachtend. Ich sah einen kleinen Jungen, die Augen tränenverquollen, das Gesicht vom letzten Schlag gerötet, der von seiner Bettstatt zurückwich. Drei größere Jungs, die auf ihn eindrangen. Lachten, sich Zeit ließen. Ich nahm alles mit dem Bewußtsein der Möve wahr. Sah es, wie sie es sah. Warten, daß die Menschen einem weh tun. Nur noch einmal tüchtig mit demSchnabel zulangen wollen, bevor sie einen erledigen.

Irgendwas rasselte in meiner Brust. Meine Hand schoß unter die Jacke. Sie stieß nur auf ein hämmerndes Herz. Ich rammte den kleinen Gang rein, latschte aufs Gas und brauste mit dem Lincoln zwischen die Möwe und die kreiselnden Autos. Am Schnittpunkt stieg ich auf die Bremse, so daß das Heck des Lincoln herumschleuderte und die Möwe abschirmte. Ich sprang raus, Hände leer, war zu sehr mit der Möwe beschäftigt, um mich drum zu scheren.

Sonne blitzte auf den Wnindschutzscheiben der anderen Autos - ich konnte die Fahrer nicht sehen. Der Motor des Camaro brüllte auf, die Schnauze auf mich gerichtet. Ich hörte die Tür des Lincoln hinter mir knallen. Ich schaute nicht hin. Spreizte die Beine. Schüttelte die Hände aus, atmetet durch die Nase, achtete auf die Autotüren. So sie gemeinsam rauskamen, wußte ich, was ich tun mußte. Den ersten flachlegen, in sein verlassenes Auto springen. Und sehn, wie´s ihnen schmeckte, wenn sie gejagt wurden.

Gummi kämpfte gegen Straßenbelag, als alle drei Autos davonschossen und mich da stehenließen. Ich beobachtete sie, erwartete, daß sie sich wieder sammelten und zurückkamen. Rücklichter flackerten auf, als sie am Ende des Parkplatzes auf die Bremsen stiegen, aber sie fuhren auf den Highway.

Ich drehte mich zum Lincoln um. Blossom stand über den Kotflügel des Lincoln gebeugt, die Hand in ihrer großen Leinentasche. Die Möwe hatte sich nicht gerührt. Ich ging in die Hocke, wollte auf sie zu.

"Wart!" Blossoms Stimme. Sie kam mir hinterher, reichte mir ein Paar dicke Lederhandschuhe.

"Nehmen Sie die. Der Bursche hat´n Schnabel wie ein Rasiermesser."

Ich schlüpfte in die Handschuhe, wunderte mich, woher sie wußte , was ich vorhatte. Ich ging wieder auf die Möwe zu. Im Watschelgang. Ein langsamer Schritt nach dem anderen. Spürte den Asphalt durch die Schuhsohlen. Redete leise auf ihn ein.

"Schon okay, Kleiner. Die Finken sind weg. Wir haben sie verscheucht. Du bist´ne höllen Möwe. Wirst der Oberboß vom Schwarm sein, wenn wir dich wieder hingekriegt haben. Alles okay jetzt. Locker ...ganz locker, Junge."

Sie ließ mich bis auf zirka zehn Schritte ran. Schlug mit der guten Schwinge und täuschte einen Ausbruch nach rechts an. Ich bewegte mich bereits nach rechts, als der Schnabel nach mir hieb. Ich kam grade noch mal davon, redete auf sie ein. Sie beruhigte sich, beobachtete. Ich ging auf Blickkontakt, wollte sie die Ruhe spüren lassen.

"Wir sind nicht alle gleich", ließ ich sie mental wissen.

Meine Beine fingen an zu krampfen, als sie sich rührte. Auf mich zu. Den gebrochenen Flügel nachziehend, löcherte sie mich mit ihren Blicken. Sie war außer Puste. Trauen oder tot sein, darauf lief´s raus. Ich streckte eine behandschuhte Hand aus. Sie packte sie mit dem Schnabel, probierte. Ich spürte den Druck, rührte mich nicht. Rieb ihr den Nacken. Sie beugte den Kopf, blinzelte. Ich langte nach der guten Schwinge, preßte sie an den Körper, während sie mit der gebrochenen schlug, ihren Schlachtschrei kreischte und an meiner geschützten Hand riß. Ich drückte ihr den Schnabel zu, trat vor und fixierte den schlimmen Flügel, hielt ihn ran und grummelte auf sie ein.

Blossom. Sie riß eine Rolle Verbandsmaterial auf. Ließ sie am Boden liegen, Während sie den schlimmen Flügel der Möwe richtete und vorsichtig an den Körper drückte. Ich kapierte, was sie vorhatte, hielt den Vogel, als sie ihm die Bandage um den Körper wickelte. Er hatte den Lederhandschuh zum Großteil aufgerissen, als Blossom ihm einen breiten Gummiring über den Schnabel streifte.

"Halt ihn - ich bin gleich zurück", sagte sie.

kam mit einem Karton aus dem Drugstore gestiefelt. Seitlich stand Pampers drauf.

"Geben Sie ihn mir."

Ich reichte ihr die Möwe. Sie drückte sie an sich.

"Ziehen Sie ihr Hemd aus - er braucht was Weiches in der Schachtel, bevor wir ihn einsperren."

Ich ließ meine Jacke auf den Asphalt fallen, knöpfte das Hemd auf, knüllte es am Boden der Schachtel zu einem weichen Kissen zusammen. Blossom setzte die Möwe langsam rein, schloß den Deckel und überließ sie der friedlichen Dunkelheit.

Während ich fuhr, hielt sie die Schachtel auf dem Schoß. Sagte mir, ich sollte von der 173rd in die Cook Avenue abbiegen.

"Das graue Haus, das mit den weißen Schindeln... sehen Sie´s?"

Ich fuhr auf die Kiesauffahrt, hoch bis zu einer Einzelgarage. Folgte Blossom zur Hintertür. Sie stellte den Karton auf den Küchentisch. Ließ mich da stehen. Kam mit einem Ledertäschchen zurück. Füllte einen Kupferkessel mit Wasser und stellte ihn auf den Herd.

"Sehen wir´s uns mal an", sagte sie und öffnete den Deckel der Schachtel.

Ich hob die Möwe raus, trug sie zu der Ablage neben der Spüle. Metall wurde in den Topf geschmissen. Geschickt fertigte Blossom einen Ring aus weißem Heftpflaster, befestigte an der Innenseite Wattebäusche und stülpte die weiche Kapuze dem Vogel über den Schnabel, um ihm die Augen zu verdecken. Sie goß das kochende Wasser aus. Ich schielte in die Spüle. Schimmerndes Operationsbesteck: Skalpell, Schere, Sonden.

"Ich werde die Binde auf seiner schlimmen Seite aufschneiden. Halten Sie den anderen Flügel fest - ich muß ihn ausbreiten, sehen, wo er kaputt ist."

Der gebrochene Flügel nahm einen Gutteil der Ablage ein. Blossom redete mit der Möwe, während sie arbeitete, Hände und Augen perfekt aufeinander abgestimmt.

"Nimm´s leicht mein Kleiner. Nicht lange, und du wirst wieder Möwenmädchen jagen. Nun laß mich mal schauen. Keine Aufregung."

Weiteres Sondieren.

"Da haben wir´s. Ein sauberer Bruch. Ich kann ihn richten, sobald ich die kleinen Brocken weggeschnitten habe. Hier!"

Sie wickelte die Schwingen wieder zusammen, ließ vor Konzentration die Zungenspitze zwischen den Lippen rausspitzen.

"Im Keller ist´n alter Vogelkäfig. Groß genug für einen Papagei oder so was. Von der Treppe aus links."

Ich entdeckte den Käfig. Der Griff ging mir fast bis zur Brust. Ich trug ihn hoch.

"Stellen Sie ihn hinten raus - wir müssen ihn abspritzen."

Ich erledigte es, während Blossom Zeitungspapier zum Auslegen zerfetzte. Sie reichte mir die Kombizange.

"Nehmen Sie das andere Zeug raus - er braucht Platz."

Ich entfernte sämtliche Stangen, bis der Käfig nur mehr ein leeres Gehäuse war. Die Tür war nicht groß genug für die Möwe - ich bog die Stäbe auseinander. Blossom setzte den Vogel sachte drin ab. Er machte kein Anstalten, sich zu wehren. Musterte uns.

"Im Küchenschrank ist´n bißchen Lachs. Machen sie ihm ´ne Büchse auf, derweil ich was zum Abdecken besorge."

Ich öffnete die Büchse, kippte den Lachs in den Käfig. Füllte die leere Büchse mit Wasser und stellte sie ebenfalls rein. Blossom kam mit einer Militärdecke zurück. Schnitt sie mit dem Operationmeser in Streifen und hängte sie oben über den Käfig.

"Mach dir´s gemütlich, mein Junge", sagte sie. "In ein paar Wochen biste wieder fit."

Ich saß am Küchentisch. Blossom stand neben mir "Schauen wir mal die Hand an." Die Knöchel blutverkrustet, ein Finger sauber aufgetrennt.

"Waschen sie´s in der Spüle ab. Kaltes Wasser, keine Seife. Achten sie drauf, daß das Blut sauber abläuft."

Sie trocknete mir die Hand ab, sprühte irgendein brennendes Zeug auf den offenen Biß, legte eine Schmetterlingsbinde an.

"Bleibt nicht mal ´ne Narbe", sagte sie.

"Waren Sie mal Schwester?"

Ihre türkisen Augen musterten mein Gesicht, ein Lächeln umspielte ihren breiten Mund.

"Nein. Genausowenig wie sie Immobilienspekulant sind. Bin gleich wieder da."
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ermittelt für ihn - und muss erfahren, wie weit Verrat wirklich gehen kann.
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Shella

von Andrew Vachss

In Seattle sind John und Shella einander über den Weg gelaufen, haben sich erkannt wie Hunde in der Nacht. Fortan ziehen sie gemeinsam durchs Land. Shella, die Stripperin, schleppt Freier zum Fleddern an und im rechten Augenblick taucht John auf, der Killer, der ohne Waffen arbeitet, und nimmt den Typen das Geld ab. Bis Tampa, Florida, läuft alles bestens. Doch dann gerät Shella an diesen Freak, einen Frauenmörder. Diesmal muß John töten, um Shella zu schützen. John landet im Knast. Nach drei Jahren macht er sich auf die Suche nach ihr. Shella ist verschwunden, abgetaucht irgendwo in der Halbwelt der Bars und Spelunken. Um sie zu finden, braucht John Hilfe. Der Preis für diese Hilfe ist der gefährlichste Job, den er jemals erledigt hat.

Die Figuren des Andrew Vachss sind Menschen, die zerstört wurden, ehe sie zu leben begannen. Sie sind Produkte der Verachtung, der Gewalt und Lieblosigkeit. John und Shella sind nicht desillusioniert, denn sie haben nie gelernt, zu träumen. Doch sie sind auch frei von aller Scheinheiligkeit und auf eine irritierende Weise ehrlich und kompromißlos. So wirken sie wie gefallene Engel in einer Gesellschaft, die ihre Werte in katastrophaler Weise selbst zerstört hat.
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Ende Teil II

Der Blues wurde deshalb erfunden, weil die Seele vieler Menschen sonst noch schneller verkümmert wäre!


Remi Offline




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25.04.2008 22:56
#3 RE: Andrew Vachss-Genie und Wahnsinn antworten



Kult

(Original: Sacrifice)

Ein Burke - Roman von Andrew Vachss

Burke, der Privatdetektiv mit den außergewöhnlichen Methoden, der Einzelgänger und Überlebenskünstler, versucht einen kleinen Jungen zu retten, der von den eigenen Eltern mißbraucht wurde. Der Junge reagiert mit einer Persönlichkeitsspaltung - durch seine Kinderseele geht ein Riss, und er wird selbst zum Mörder. Und Burke geht ans Werk - im Dschungel der Großstadt mit seiner bizarren Hilfstruppe.

Leseprobe:

Mary Beth sagt aus
von Andrew Vachss

Ich rief im Büro der Staatsanwaltschaft an. Sie sagten mir, Wolfe wäre im Gericht, in Long Island City, Abteilung L-3. Amtsleiter übernehmen keine Gerichtsverhandlungen. Ich zählte eines und eins zusammen. Schmiß mich in meinen Anwaltsanzug und hetzte raus nach Queens.

Als ich in den Gerichtssaal marschierte, war Mary Beth bereits im Zeugenstand. Darauf hat Wolfe sie getrimmt: kein Vorspiel, keine Tändelei - gleich die schweren Hämmer. Versuch den anderen Kerl flachzulegen, sobald Du den Gong hörst. Lola geleitete die Kleine durch ihre Aussage, und ihre Körpersprache drückte aus, dass sie das Kind sanft anschubste, es über die Furcht hinweglockte. Die Monster ans Licht brachte. Lolas schlanke Gestalt war wie ein sachte schwebender Zauberstab vor dem kleinen Mädchen, während sie auf hohen Absätzen auf und ab ging, dem Angeklagten den Blick auf den Zeugenstand versperrte.

Sheba hockte neben Mary Beth, die Hand des kleinen Mädchens auf ihrem Kopf. Die Blicke der Hündin folgten Lola.

"Nur noch eine Frage, Mary Beth. Du hast uns erzählt, was er gemacht hat, was er mit Dir gemacht hat. Das ging eine ganze Zeit so - wieso hast Du nie jemandem was erzählt?"

"Er hat gesagt ... er hat mir gesagt, er sorgt dafür, dass Mutti was Schlimmes passiert. Er hat gesagt er macht, dass sie krank wird und stirbt. Er hat mir`s gezeigt ... in der Zeitung ... wo die Mutter von einem Mädchen krank geworden ist und gestorben ist. Er hat gesagt, das wäre er gewesen. Weil das Mädchen was gesagt hat."

"Keine weiteren Fragen" sagte Lola und setzte sich, während Mary Beth sich die Tränen von den Wangen wischte.

Der Anwalt des Angeklagten rappelte sich hoch. Ein fetter, schweinebackiger Mann, die Haare mittels Schweiß an den Skalp geklatscht, sorgfältig nach oben und von der einen Seite über den Kopf gekämmt, um die Glatze zu kaschieren.

"Euer Ehren, ich erhebe erneut Einspruch gegen die Anwesenheit dieses Tieres, während die Zeugin aussagt. Es gibt eine klare Entscheidung im Fall Rulon, wonach ..."

Die Richterin war eine dominant wirkende Frau, rötlich-blonde, modisch kurz geschnittene Haare, gerade Schultern, eine fast militärische Haltung. Ich hatte sie schon mal gesehen - sie fing beim Familiengericht an, wo sie dichter an die Wahrheit rankommen. Die Jahre schwer einzuschätzen, aber ihre Augen waren alt. "Herr Rechtsanwalt", sagte sie, "das Gericht ist mit dem Fall Rulon vertraut. Der damalige Beschluß betraf eine Zeugin, die während ihrer Aussage auf dem Schoß eines Sozialarbeiters saß. Sie sind doch gewiß nicht der Ansicht, der Hund gebe der Zeugin Zeichen?"

"Nein, Euer Ehren, aber ..."

"Das Gericht hat bereits entschieden, Herr Anwalt. Sie dürfen Ihre Einwände haben und Anstoß an meinem Beschluß nehmen. Stellen Sie Ihre Fragen."

Sheba betrachtete den fetten Anwalt, als wäre er ein Hammel im Dreiteiler.

Die Befragung war nicht umwerfend. Das übliche: Hatte sie jemals Horrorfilme geschaut? Jemals auf dem Videorekorder im Haus ihrer Mutter Pornobänder gesehen? Schlecht geträumt? Trug ihr irgendwer auf, was sie sagen sollte?

Mary Beth beantwortete die Fragen. Manchmal mußte sie die Richterin ermahnen, sie solle ein bißchen lauter sprechen, aber sie brachte es hinter sich. Tätschelte Sheba, holte sich Trost und Kraft.

Der Verteidiger fragte: "Weißt Du, dass es eine Sünde ist, wenn man eine Lüge erzählt, Mary Beth?", trat effektvoll zur Seite, damit die Schöffen begriffen, daß es sein Mandant war, über den hier Lügen erzählt wurden.

"Ich weiss, dass es eine Sünde ist", sagte das Kind ruhig. "Ich lüge nicht".

"Sie kann mich nicht sehen!" flüsterte der Angeklagte plötzlich zischend in das Ohr seines Anwalts, laut genug, dass es jeder hören konnte. "ohne Brille kann sie nichts sehen."

Wolfe war auf den Beinen und rückte vor, als hätten sie gerade den Gong geläutet und sie bräuchte ein K.o. zum Ausstieg. "War das ein Einspruch?" knurrte sie.

"Ja, das war ein Einspruch!" schrie der Verteidiger, bemüht, die Sauerei wegzuputzen, die der Schänder angerichtet hatte. "Meinem Mandanten wird das verfassungsmäßige Recht auf eine Gegenüberstellung verweigert."

"Er will nicht gegenübergestellt werden, er will einschüchtern. Das Gesetz besagt, daß er die Zeugin sehen und hören muß - es besagt nichts darüber, daß sie ihn anstarren muß."

"Das reicht", fuhr die Richterin auf. "Bringen sie die Schöffen hinaus."

Die Gerichtsbediensteten schafften die Schöffen weg, während jedermann schweigend dasaß.

Einer von Wolfes Leuten führte Mary Beth und Sheba durch die Seitentür raus. Die Richterin wandte sich an die Anwälte.

"Das sollte jetzt ein- für allemal reichen, meine Herrschaften. Sie wissen beide genau, daß man solche Streitfragen nicht vor den Schöffen bespricht. Ich möchte jetzt keine großen Reden hören. Mister Simmons, haben sie einen triftigen Grund zu der Annahme, daß die Verfassung vorschreibt, ein Zeuge habe eine Sehschwäche ausgleichende Brille zu tragen?"

"Nicht ausdrücklich, Euer Ehren. Aber wenn sie den Angeklagten nicht einmal sehen kann, wie kann sie ihn da identifizieren?"

"Das hat sie bereits, Herr Anwalt. Bei der Anklageerhebung, erinnern sie sich?"

"Ja, ich erinnere mich. Aber damals trug sie ihre Brille."

"Worauf wollen sie hinaus?"

"Mein Mandant hat Rechte."

"Die von diesem Gericht nicht eingeschränkt worden sind. Nun... das wäre nicht nötig gewesen, Miss Wolfe... ich habe bereit entschieden. Holen sie die Schöffen wieder herein." ;

"Euer Ehren, angesichts ihrer Entscheidung habe ich keine andere Wahl, als auf Verfahrensmängel zu plädieren."

"Mit welcher Begründung, Herr Anwalt?"

"Befangenheit, Euer Ehren. Die Schöffen haben gehört, was mein Mandant sagte. Eine derartige Aussage wird ihre Meinung beeinflussen."

"Wollen sie behaupten, die Anklage hätte den Ausbruch ihre Mandanten verursacht, Mister Simmons?"

"Nun, ja... ich meine, wenn sie nicht..."

Abgelehnt, fahren sie fort."

Wolfe wandte sich von der Richterbank ab und kehrte zu ihrem Platz zurück. Fing meinen Blick auf.

Der Verteidiger meldete sich wieder. "Euer Ehren, darf ich ein paar Minuten mit meinem Mandanten sprechen, bevor die Schöffen zurückkommen?"

"Nein, Herr Rechtsanwalt, sie dürfen nicht."

"Euer Ehren, ich bitte um diese Frist, weil ich glaube, sie könnte zu einer Übereinkunft in dieser Angelegenheit beitragen."

"Da gibt es nichts zu vereinbaren", fauchte ihn Lola an. "Dazu ist es zu spät, verflucht noch mal."

"Ich brauche ihre Erlaubnis nicht, um eine Stellungnahme zur Anklage abzugeben", versetzte der Verteidiger.

"Dann tun sie das. Es war ein Schwerverbrechen, und wir beantragen die Höchststrafe."

"Euer Ehren, dürfen wir uns besprechen?"

Die Richterin nickte. Wolfe und Lola kamen vor auf die eine Seite, der Verteidiger auf die andere. Ich konnte nicht hören, was sie sagten. Schließlich marschierte der Verteidiger wieder zu seinem Tisch und redete mit wedelnden Armen eindringlich auf seinen Mandanten ein.

Ich spürte, was kam.

Der Verteidiger stand ein letztes Mal auf. "Euer Ehren, mein Mandant hat mich ermächtigt, seine Erklärung auf nichtschuldig zurückzuziehen und sich im Sinne der Anklage für schuldig zu erklären. Mein Mandant ist ein sehr kranker Mann. Im übrigen möchte er der jungen Dame das Trauma eines Kreuzverhörs ersparen. Ich glaube..."

"Herr Rechtsanwalt, heben sie sich ihre Darlegungen für den weiteren Verlauf dieses Verfahrens auf. Wenn ihr Mandant seine Erklärung ändern möchte, werde ich seine Aussage entgegennehmen."

Sie ließen die Schöffen außerhalb des Gerichtssaals, während der Angeklagte alles zugab. Sein Anwalt versprach, die ganze Sache mittels umfassender psychatrischer Gutachten zu erklären. Lola und Wolfe saßen schweigend da.

Die Richterin entließ die Schöffen, dankte ihnen für ihre Aufmerksamkeit. Ich achtete auf ihre Gesichter - der Verteidiger hatte sie richtig gedeutet - sobald sie ihre Chance gekriegt hätten, wäre sein Mandant abgestürzt.

Der Verteidiger bat, weiter Haftverschonung auf Kaution zu gewähren. Lola wies darauf hin, daß der Angeklagte nun ein verurteilter Straftäter wäre, der üblicherweise Inhaftierung zu gewärtigen und ein starkes Motiv hätte, sich der Gerechtigkeit zu entziehen.

Die Richterin hörte zu, fragte die Verteidigung, ob sie irgendwelche Einwände hätte. Hörte wieder zu. Dann hob sie die Haftverschonung des Angeklagten auf, ließ zur Bekräftigung den Hammer knallen und verließ ihre Bank.

Der fette Verteidiger wandte sich an Wolfe und Lola. "Sie haben gerade einen sehr kranken Mann ins Gefängnis gebracht. Ich hoffe, sie sind mit sich zufrieden."

Wolfe und Lola schauten den Anwalt ausdruckslos an. Dann hoben sie die Hände und klatschten laut alle Fünfe aneinander.


FÜR SHEBA

Streiterin wider die Blindheit
bis ihr die letzte Schlacht die Augen schloß.

Wenn Liebe mit dem Tod stürbe,
wär dies Leben nicht so schwer.

© 1991 Andrew Vachss. All rights reserved.
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Tief im Abgrund

(Original: Down In The Zero)

Ein Burke Roman

Nachdem Burke ein Kind bei dem Versuch, es zu retten, tötete, fällt er in eine tiefe, kalte Phase der Trauer. Der Anruf eines Jungen, der um sein Leben fürchtet und ihn als Leibwächter engagieren will, schreckt ihn aus seiner Erstarrung auf.
In der reichen, sauberen Gegend, aus der der Junge kommt, häufen sich seltsame "Selbstmorde" von Jugendlichen. Der Junge fürchtet, eines der nächsten Opfer zu sein.
Burke läßt sich auf einen Job ein, denn er schuldet der Mutter des Jungen noch einen Gefallen: Sie hatte ihn vor langer Zeit einmal vor dem Knast bewahrt. In der geleckten Welt des reichen Amerika bewegt Burke sich auf fremdem Terrain. Doch was er hinter der wohlanständigen Bilderbuchfassade entdeckt, ist nicht weniger schockierend als das, was er in den dunkelsten Vierteln New Yorks gesehen hat: Burke blickt in entsetzliche Abgründe, die selbst ihn, den illusionslosen Großstadtkämpfer, tief erschüttern.
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Die Schritte des Falken

(Original: Footsteps Of The Hawk)

Ein Burke-Roman

Aus dem Amerikanischen von Jürgen Bürger

Drei Menschen in einem Teufelskreis.

Zwei undurchsichtige Polizisten - ein Mann und eine Frau - belauern einander. Beide haben Burke ins Visier genommen. Sie will angeblich Burkes Hilfe, um einen Unschuldigen aus dem Knast zu holen. Er versucht, Burke die Mittäterschaft bei einer Serie von Morden anzuhängen. Zwischen dieser Mordserie und dem angeblich unschuldig Gefangenen scheint ein Zusammenhang zu bestehen. Aber welcher? Burke versucht, den "roten Faden" zu finden. Doch nichts passt zusammen. Er kann keine Logik in all dem entdecken, wittert aber höchste Gefahr. Jeder ist Raubtier und Beute zugleich ... Erst ein haiku bringt Burke auf die rettende Idee.
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Verrat

(Original: False Allegations)

Ein Burke-Roman von Andrew Vachss


"Brilliant, kraftvoll, leidenschaftlich, mysteriös, verständnisvoll, aufklärend, zornig, besessen, bedeutend und unvergesslich. All das ist VERRAT, Andrew Vachss` eigenwillige Meisterleistung. Dieses Buch ist vielleicht der beste Thriller des Jahres, vielleicht auch das mit der größten sozialen Bedeutung. Ganz sicher ist es das originellste Buch. Der meisterhafte Vachss fährt damit fort, eine Dunkelheit auszuleuchten, die "ER" scheinbar als einziger von allen Thrillerautoren verstehen und erklären kann."

Jack Olsen
Autor & Journalist


Man könnte meinen, Burke, dem illusionslosen Grosstadtkämpfer, macht keiner etwas vor. Täuschung, Grausamkeit und Lüge sind sein tägliches Geschäft, schon immer. Doch dann kommt Kite, der fanatische Anwalt; der die meisten Anschuldigungen wegen Kindesmissbrauch als Einladung zur "Hexenjagd" bezeichnet. Burke
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Ende Teil III

Der Blues wurde deshalb erfunden, weil die Seele vieler Menschen sonst noch schneller verkümmert wäre!


Remi Offline




Beiträge: 3.132

25.04.2008 22:59
#4 RE: Andrew Vachss-Genie und Wahnsinn antworten



Safe House

Ein Burke Roman von Andrew Vachss

Aus dem Amerikanischen von Jürgen Bürger

Durch Doppelagenten staatlicher Geheimdienste wird Burke, der illusionslose Einzelkämpfer, in die Höhle des Löwen gezwungen.

Chrystal Beth, neu aufgenommen in den engsten Kreis der Vertrauten, wird vom Chef der Nazimilizen mit dem Tode bedroht. Burke und seine Freunde müssen schnell und lautlos handeln, um Chrystal Beth und die Stadt New York vor dem Untergang zu retten.

"Andrew Vachss, ein Frontkämpfer entlang der grauenhaften Abgründe menschlichen Tuns."

Süddeutsche Zeitung

Leseprobe:

Die zweite Schicht ist Knastjargon für drei Uhr nachmittags bis elf Uhr abends. Wenn man ein wichtiges Treffen ausmacht, wie Hercules es getan hat, läßt man dem anderen immer genug Zeit, um aufzutauchen. Der Butcher Block ist ein verlassener Ladekai unter der Brooklyn Bridge. Er heißt so, weil sich früher dort die Diebe trafen, um ihre Beute von den Lastwagen des nahegelegenen Fulton Fish Market aufzuteilen. Hercules wußte nicht, wo ich wohnte. Wenn ein Typ wie er so was weiß, kommt er eines Tages vorbei, um Hallo zu sagen. Vielleicht bringt er ein Sechserpack mit. Oder die Cops.

Genau gegenüber des Freiluft-Obdachlosenasyls am Broadway, das die Politiker City Hall nennen, brachte ich den Plymouth zum Stehen. Sekunden später wurde die Beifahrertür aufgerissen und der Prof stieg ein.

"Isses Herks Kiste, streich´s von der Liste. Kann gar nix anderes sein, als ´n mieses Nümmerlein", begrüßte mich der kleine Mann mit angewiderter Stimme.

"Willst du passen?" fragte ich.

"Du weißt, daß das nicht geht, Schuljunge. Der Mann war einer von uns, stimmt´s? Einer für alle, alle für einen."

Das sagte Alles. Wir würden unseren Teil des Deals einhalten. Verpflichtung und Ehre, ein und dasselbe. Aber das war nicht die Einbahnstraße des guten Bürgers. Was uns trieb, war das sichere Wissen, daß Hercules, wenn wir ihn von einer Telefonzelle aus der Hölle anriefen, sofort kommen würde. So eine Loyalität kann man nicht kaufen. Aber man muß bezahlen, was sie kostet. In Raten.

"Wo steckt Clarence?" fragte ich.

"Clarence? Der Junge hat nichts damit zu tun. Er steht in der Kreide, also bleibt er auf der Weide."

"Stimmt", sagte ich, und meinte es genauso.

Kurz vor der Vesey Street bog ich links ab, fuhr auf der Park Row zurück Richtung Norden, ignorierte die Auffahrt zur Brücke und hielt mich scharf rechts, als wollte ich zum FDR. Als ich die Gasse entdeckt hatte, bugsierte ich den Plymouth hinein, starrte durch die Windschutzscheibe.

"Guck mal", sagte der Prof. "Da drüben."

Ein Mann näherte sich dem Wagen. Ein kräftiger Mann mit langen dunklen Haaren, wirkte in dem knöchellangen gelben Regenmantel, wie ihn Verkehrspolizisten tragen, noch massiger. Der Prof sprang raus und schlüpfte auf den Rücksitz, ließ die Beifahrertür offen - eine eindeutige Einladung. Der stämmige Mann stieg ein, schüttelte sich wie ein verdammter Bernhardiner, eine eiskalte Dusche regnete auf mich nieder.

"Burke!" sagte er, hielt mir die Hand hin.

"Herk", erwiderte ich den Gruß leise, meine Stimme war eine Botschaft, die er ignorierte, als er sah, wer im Fond saß.

"Prof! He, ist ja super!"

"Cool bleiben, Mann" erwiderte der Prof. "Das ist keine Wiedersehensfeier. Hier geht´s um Geschäfte, oder?"

Der schwere Mann schüttelte wieder den Kopf. Energisch, als versuche er, sich an etwas zu erinnern. An etwas Wichtiges.

"Ich hab ein Problem", sagte er schließlich.

"Spuck´s aus", forderte ich ihn auf.

"Da war dieses Mädchen-"

"Scheiß der Hund drauf, Schuljunge. Was hab ich gesagt? Der Kerl ist ein Stier, und es geht um Fotzen hier."

"Ganz ruhig, Prof. Was immer es ist..." Ich ließ den Satz unvollendet, drehte mich zu Herk, spreizte die Hände zu einer "Erzähl mir alles"-Geste.

"Da war dieses Mädchen", wiederholte er, als hätte er das Band zurückgespult auf Anfang. "Sie wurde ... na ja, belästigt. Du verstehst, was ich meine?"

"Nein", sagte ich mit soviel Schärfe in der Stimme, daß er endlich zur Sache kam.

"Okay. Ihr Freund hat sie verprügelt. Immer wieder. Wegen nix. Danach hat er immer gesagt, daß es ihm leid tut, und sie hat wieder mit ihm angefangen. Schließlich landete sie wegen ihm im Krankenhaus. Nicht bloß in der Ambulanz, wie vorher - die mußten sie operieren. Am Gesicht. Wahrscheinlich war sie zu benebelt von den Medikamenten, die sie ihr gegeben haben, um ihn zu decken, ich weiß nicht. Jedenfalls, die Bullen haben ihn einkassiert. Er hat sich nicht gewehrt", sagte Herk, voller Verachtung des Berufskriminellen für jeden, der sich nicht automatisch seiner Festnahme widersetzt. "Jedenfalls, sagte sie, sie will ihn nicht anzeigen, und weißt du , was der Bulle darauf antwortet? Das wirst du nicht glauben, Burke. Die brauchen sie gar nicht - die können ihn auch ohne sie aus dem Verkehr ziehen, egal, ob sie das will. Ich meine, die können sie zwingen, vor Gericht zu erscheinen. Jesus".

Ich nahmm ein Päckchen Zigaretten vom Armaturenbrett, bot Herk eine an. Er schüttelte den Kopf. Genauso wie im Knast. Als ernsthafter Bodybuilder war Dianabol die einzige Droge, mit der Herk je rumspielte und mit Steroiden hatte er Schluß gemacht, als wir ihn ins kalte Licht am Ende des Tunnels geschleift hatten. Aber der Prof riß mir die Kippe aus der Hand, bevor ich sie anstecken konnte. Ich hörte wie hinter mir ein Streichholz angerissen wurde. "Danke, Bruder", sagte er knapp. Ich steckte mir eine andere an. "Wie geht deine Geschichte weiter?" fragte ich den massigen Mann.

"Er kommt mit ´ner lächerlichen Strafe davon. Sechs Monate auf dem Papier, wieder draußen nach vier. Das Gericht sagt, er darf sie nicht sehen, du weißt , was ich meine oder?"

"Ja."

"Aber es nützt nix. Er ruft sie an. Aus dem Knast. Per R-Gespräch, okay? Nach einer Weile geht sie nicht mehr dran. Läßt sogar ihre Nummer ändern. Da schreibt er ihr Briefe. Total abgedrehte Scheiße ... daß er sie liebt und geträumt hat, wie er ihr Gesicht in Streifen schneidet."

"Er ist noch im Knast, als er das gemacht hat?" fragte der Prof.

"Ja."

"Hat sie die Briefe den Cops gezeigt?" wollte ich wissen.

"Klar. Aber stell dir vor: Die können nichs tun. Ich meine, diesmal will sie das Arschloch anzeigen, und die Bullen unternehmen einen Scheißdreck. Sagen, die Briefe, das wären keine echten Drohungen, nur Gerede über seine Träume und so. Dumme Arschlö-"

"- und dann kommt er wieder raus und ..." , unterbrach ich seinen Redeschwall.

"Hm-hmh. Und er legt sofort wieder los. Ruft sie auf der Arbeit an, steckt ihr Zettel in den Briefkasten, lauter so Zeug. Inzwischen hat sie eine Scheißangst-"

"Und du Schwachkopf schiebst ihr deinen jämmerlichen Dödel rein, stimmt´s?" mischte sich der Prof. ein.

"Nein, Prof. Ich schwör´s", erwiderte Herk gekränkt. "Ich meine, wir sind uns ja nie begegnet, okay? So war das nicht."

"Wie war´s dann?" fragte ich.

"Kennst du Porkpie?"

"Ja", bestätigte ich, inzwischen nervös. Porkpie war ein kleiner Fisch, der am Rand mitmischte. Einer dieser vielleicht jüdischen, vielleicht italienischen Brooklyn-Jungs. Er hatte weder Muskeln noch Mumm oder Verstand, also spielte er Mittelsmann. Ein halbgarer Tippgeber und mieser Informant - er würde nie selbst was anpacken, kannte aber immer jemanden, der damit keine Probleme hatte. Zumindest behauptete er das. Er arbeitete allein, hatte keine Gang. Sein Arbeitsplatz waren Telefonzellen und der Kofferraum seines Wagens. Nur ein guter Bürger oder ein absoluter Anfänger würde mit ihm Geschäfte machen. Herk war weder das eine noch das andere, aber dumm genug, daher spielte es keine Rolle.

"Okay, also Porkpie erzählt mir die Sache", fuhr er fort. "von dem Job, meine ich. Er sagt, sie suchen jemand, der sich den Burschen vorknöpft, ihm Bescheid stößt, sagt, daß er sich verpissen und die Braut in Ruhe lassen soll, verstehst du?"

"Klar."

"Einen Riesen für ein paar Minuten Arbeit, hat er gesagt."

"Für einen lausigen Riesen wolltest du dir diesen Burschen vorknöpfen, ihn in die Mangel nehmen, ihm Feuer unterm Arsch machen?" knurrte der Prof. "Was ist los mit dir, Junge? Du hast doch schon zweimal gesessen. Was für´n Gesabbel, so was bringt nur Trouble! Haust du ihm den Schädel ein, kommst du in die Kiste rein. Ist das für dich gutes Geld für ein paar Minuten Arbeit?"

"So war´s nicht, Prof. Ehrlich nicht. Porkpie sagt, der Kerl wär ´ne totale Memme, okay? Ich soll nur ein paar Muskeln spielen lassen, ihm vielleicht eine scheuern. Porkpie sagt, der würde doch sofort den Schwanz einziehen, ein Typ, der Frauen schlägt ..."

"Alle möglichen Scheißer schlagen Frauen", antwortete der Prof. "Das heißt gar nichts. Du hast doch genug hinter dir, das müßtest du eigentlich wissen, Herk."

"Spielt jetzt keine Rolle mehr", sagte der Bär von einem Mann traurig.

"Was ist passiert?" fragte ich. "Red mal Klartext. Komm schon."

"Porkpie gibt mit ein Foto, okay? Wie der Typ aussieht und alles. Und er fährt mich zu der Stelle, wo der Typ von der Arbeit kommt."

"Du hast ihn am hellichten Tag in die Mangel genommen? Mir wird kalt vor soviel Blödheit."

"Nö, Burke. Der arbeitet bei einem Wachdienst oder so. Hat nach Mitternach Feierabend. In so´nem großen Gebäude an der Wall Street. Er muß durch´ne kleine Gasse zu der Stelle, wo die Autos parken. Porkpie hat gesagt, da kann ich ihn schnappen."

"Und ...?"

"Ich krall mir den Kerl, okay? Ich knall ihn gegen die Wand und sag, ich wär der Cousin von dem Mädchen. Porkpie hat gesagt, das soll ich sagen, damit er kapiert, daß es mir ernst ist und so. Der versucht, mit mir zu reden, aber ich laß mich auf nix ein. Ich sag ihm, wenn du Boogie willst, den kannst du haben. Sofort. Auf der Stelle. Er nimmt die Hände runter, guckt nach unten. Ich denk, das war´s. ... und dann zieht der Kerl ´ne Kanone. Ich hab nicht ... groß nachgedacht, Mann. Ich hab ihm einfach eine verpaßt."

"Du hast das Arschloch abgestochen?" fragte der Prof ganz ruhig, beugte sich über die Rückenlehne des Vordersitzes.

"In den Bauch", sagte Herk. "Ich wollte das gar nicht, aber ... als ich das Ding reingeschoben hab, wußte ich sofort, der ist Geschichte. Ich hab´s in seinem Gesicht gesehen ... als hätte einer das Licht ausgeknipst, verstehst du? Der war ausgezählt."

"Hat dich jemand gesehen?" fragte ich. Jetzt war es rein geschäftlich.

"Ich glaube nicht. Ich weiß nicht. Porkpie sagt, er hätte keinen gesehen."

"Wann war das?" "Vor zwei Nächten. Ich meine, es sind zwei Nächte, wenn´s dunkel wird."

"Was brauchst du, Herk?" fragte ich.

"Ich brauche ein Versteck, Burke. Ich muß weg. Raus aus der Stadt."

"Herk konnte es nicht erklären, aber er spürte es. Er war wie ein Kanarienvogel in einem Bergwerk, der giftige Dämpfe wittert und im Käfig herumflattert. Ich sah den Prof an. Er nickte.

"Ich bring dich weg", sagte ich. "Dahin, wo du sicher bist. Und ich hör mich um, was los ist,okay?"

"Klar, Burke", sagte er lächelnd. Ein großer, lieber, dummer Junge.

© 1998 Andrew Vachss. Deutsche Übersetzung 1999 Eichborn Verlag. All rights reserved.
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Choice of Evil

von Andrew Vachss

Von der ungewöhnlichen Eröffnung bis zur letzten Seite ist Choice of Evil absolut außergewöhnlich, bemerkenswert und schlichtweg gruselig. Das bisher beste Burke-Abenteuer sollte man nicht verpassen
—Joe R. Lansdale
Autor von Rumble Tumble


"Andrew ist einer der besten Autoren und Burke einer der großartigsten Charaktere der Romanwelt des späten 20. Jahrhunderts. Choice of Evil ist eine tour-de-force im entsetzlichsten Sinne. Andrew's Fähigkeit, seine Punktstrahler auf die düstersten Aspekte der menschlichen Natur zu richten, war niemals größer."
—Alan Grant
Autor von The Bogie Man

Als seine Freundin, Crystal Beth bei einer Demo für die Rechte von Schwulen im Central Park niedergeschossen wird, schwört Burke, der Untergrundsöldner, der Experte für die Jagd auf Raubzeug, Vergeltung. Aber jemand kommt ihm zuvor: ein rätselhafter Killer, der sich selbst Homo Erectus nennt und entschlossen scheint, gewalttätige Schwulenhasser vom Angesicht der Erde zu wischen. Als die Zahl seiner Leichen steigt, sind die meisten Bürger entsetzt, aber ein paar sehen ihn als Helden und heuern Burke an, um ihn aufzuspüren... und ihm dabei zu helfen, zu entkommen..

In Choice of Evil ist Burke gezwungen sich der schrecklichsten Herausforderung zu stellen: dem Geist eines zwanghaften Serienmörders. Sehr bald wird die emotionale Leere hinter des Killers Wahnsinn auf schreckliche Weise vertraut und erinnert Burke an seinen Jugendfreund, Wesley, den Eismann-Attentäter der niemals fehlte, sogar als er selbst das Ziel war. Ist Wesley von den Toten zurückgekehrt? So sagt es der Gerüchte-Strom. Und die Wahrheit wird vielleicht sogar Burke's besonderen Realitätssinn herausfordern. Meisterhaft aufgebaut und ungemein fesselnd, ist Choice of Evil bis heute Andrew Vachss' erschreckendste Erzählung.
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Dead and Gone

von Andrew Vachss

"Wenn ich Andrew Vachss mit irgendeinem anderen Autor vergleichen müßte, dann wäre das Charles Dickens—seine überlebensgroßen Charaktere, sein tiefes Bekenntnis zu den unschuldigen Opfern unserer Gesellschaft, seine Hoffnung auf Erlösung. Wie Dickens' Prosa uns in die Seitenstraßen, Hinterhöfe, Ausbeuterbetriebe und Schuldtürme des alten London zog, führt Vachss uns durch die Verdorbenheit der Perversion, die an den schutzlosen Kindern des heutigen Amerika ausgelebt wird."
—Walter Mosley

"[Einer] der besten Burke-Romane seit Jahren, grob und gewalttätig wie immer, aber ebenso philosophisch und bewegend.
—The Capital Times

Dead and Gone ist leider bisher nur in Englisch veröffentlich worden! Wir versuchen die Zeit zu überbrücken und präsentieren zumindest einen kurzen Auszug in deutscher Übersetzung.

Es ist kein ungewöhnlicher Job für Burke, den Berufskriminellen, als Mittelsmann bei einem Austausch eines gekidnappten Kindes gegen Lösegeld zu fungieren. Doch das Treffen entpuppt sich als Hinterhalt und dieses Mal sind Kugeln das Einzige, was ausgetauscht wird. Burke verliert seinen geliebten Partner und landet in einem Krankenhausbett, nahe -oder vielleicht schon jenseits- des Todes, in einer Unterwelt aus Albträumen und Halluzinationen schwebend. Als er schließlich aus dem Krankenhaus entkommt, hat sich sein Erscheinungsbild radikal verändert—und er ebenso.

Burke’s Religion ist Rache. Begierig darauf, seinen Kreuzzug zu beginnen, trifft er den Mann, der den Austausch eingefädelt hat. Als das Treffen im Töten endet, taucht Burke tiefer in den Untergrund ein als jemals zuvor—er verschwindet von jedem Radarschirm und beginnt zu jagen. Unterwegs gewinnt er die Hilfe eines Piloten, den er seit dem Krieg in Biafra nicht mehr sah und einer Russisch-sprechenden Kambodschanerin namens Gem. Und er muß einen a mystischen Freund aus Kindheitstagen auffinden, der Muster entdeckt, wo andere nur Chaos sehen. Mit ihrer Hilfe entdeckt Burke ein erschreckendes und böses, fremdes Territorium—einen sicheren Hafen für die dunkelsten Degenerierten dieser Erde.

Fesselnd in seiner Entwicklung, schockierend in seinem Abschluß, präsentiert uns Dead and Gone einen neuen Burke: gefangen außerhalb seiner eigenen Welt—und gefährlicher als je zuvor.
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Pain Management

von Andrew Vachss

"Burkes Welt ist hart und unerbittlich, Burke ist es ebenfalls. Eine Verbindung, die aus der Hölle stammt und ein wachsender Anteil begeisterter Noir-Fans würde es nicht anders wollen.“ Das sagte Booklist über Pain Management, Vachss’ Wiedererfindung der Burke-Serie. Library Journal betitelte es als „erneuten Gewinner“ und Publishers Weekly sagte „es erhält die Burke-Serie gesund und energisch munter.“

Pain Management wurde inspiriert durch die überwältigend heftige Reaktion auf Andrew Vachss’ Kurzgeschichte “Dope Fiend”, die in Everybody Pays erscheint und in Proving It zu hören ist, Andrew Vachss' erster Hörbuch-Sammlung. Um Burt Reynolds Lesung von „Dope Fiend“ zu hören, bitte hier clicken .

Burke verabschiedet sich “verschollen und als tot vermutet” aus seiner Heimatstadt New York City, nach einem fehlgeschlagenen Mordversuch. Der schattenhafte Auftragskiller versucht sich eine neue Existenz im Pazifischen Nordwesten aufzubauen, indem er das macht, was er selbst „Gewalt gegen Bezahlung“ nennt und wartet darauf, dass es wieder sicher ist zurückzukehren.

Als Gem, eine professionelle Grenzschleuserin, die sich selbst seine Frau nennt, ihm einen Fall beschafft, bei dem er eine vermisste Teenagerin suchen soll, betritt Burke einen langen, dunklen Tunnel voller Lügen - der mit wesentlich mehr Spielchen als Spielern ausgekleidet ist.

Er gewöhnt sich an die unbekannten Straßen, etabliert schnell und brutal seine Präsenz. Das Hörensagen bringt ihn zu einer fanatischen Gruppe krimineller Samariter, die sich der Beschaffung angemessener Schmerzmittel für diejenigen, die an chronischen Schmerzen leiden, verschreiben haben. Zu einer gefährlichen Allianz gezwungen, macht Burke einen Drahtseilakt über dem Verrat, alles für ein Mädchen riskierend, das er niemals getroffen hat. Der im Waisenhaus aufgewachsene Gesetzlose weiß besser als jeder andere, dass es viele Arten von Schmerz gibt. Und viele Wege, mit ihnen umzugehen.

"Ich war schon immer ein großer Fan der Werke von Andrew Vachss, aber jetzt bin ich sogar ein noch größerer Fan. Pain Management ist wunderbar! Er hat die Serie zu scharfen, neuen Richtungen geführt, die erstaunen, unterhalten und uns blenden mit seiner Genialität. Und, wie immer, verbirgt sich unter seiner Ausstrahlung eine Geschichte, die so ernst ist wie... nun ja, der Umgang mit Schmerzen.
—Joe R. Lansdale

"Die Welt, die Andrew Vachss geschaffen hat - Burkes Welt - ist unnachahmlich dunkel, fieberhaft, beklemmend und gerecht. Pain Management ist eine Reise in die höllischen Außenbereiche der menschlichen Psyche, die einen dazu zwingt, die Seiten zu verschlingen. Lesen Sie es und seien Sie verwandelt.“ "
—Jonathan Kellerman


"Es ist ein grandioses Buch. Andrew Vachss bringt Burke zurück, der, auf der Suche nach einem weggelaufenen Mädchen, auch die Betrachtungsweise unserer Mediziner bezüglich unheilbarer Schmerzen aufdeckt. Dies ist ein weiteres grauenvolles Abenteuer für Burke, dem er auf den Grund geht und herausfindet, was dahinter steckt. Dies ist eine Serie wie keine andere, von einem Autor geschrieben, der niemals seine Hingabe für die Unschuldigen verloren hat, die „Kinder des Geheimnisses.“
Martha Grimes
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Ende Teil IV

Der Blues wurde deshalb erfunden, weil die Seele vieler Menschen sonst noch schneller verkümmert wäre!


Remi Offline




Beiträge: 3.132

25.04.2008 22:59
#5 RE: Andrew Vachss-Genie und Wahnsinn antworten



Only Child
von Andrew Vachss

"[Burkes] Kanten sind so rauh, dass er die traditionellen hard-boilded Detektive … weich aussehen lässt." -Houston Chronicle

Nach Jahren auf der Flucht, möchte Burke unbedingt wieder in seine Heimatstadt New York zurückkehren, denn dies ist der einzige Weg für ihn, wieder mit seiner Outlaw-„Familie“ zusammenzusein. Aber um in ihrem Teil der Stadt, in dem Ansehen alles bedeutet, überleben zu können, muss Burke bedeutende Risiken auf sich nehmen, um seine Präsenz wieder etablieren zu können. Als ihn dann ein Mafiosi wegen des bestellten Mordes an seiner sechzehn-jährigen Tochter kontaktiert - das Ergebnis dessen, was er eine Affäre „außerhalb der Sippe“ nennt, die er unter allen Umständen geheim halten muss - überzeugen Burkes erschöpfte Finanzen ihn, aus dem Schatten zu treten und etwas zu tun, das er seit Jahren nicht getan hatte ... in einem Verbrechen tatsächlich zu ermitteln.

Burke braucht eine Tarnung, um in die Subkultur der Jugendlichen auf Long Island eindringen zu können, wo das Mädchen lebte und starb. Daher stellt er eine Gruppe talentierter Rollenspieler zusammen, einschließlich zweier lesbischer „Power Exchanger“, die ihre spezielle Sexsparte im Internet vermarkten. Als Burke in Person eines Casting-Direktor auftaucht, um zukünftige Stars für einen Film zu suchen, der vor Ort gedreht werden soll, entgleitet die Ermittlung schnell in unbekannte Tiefen. Er trifft auf eine neue Art des Filmemachens, eine neue Art der Gewalt und einen Täter der völlig neuen Art. Als sie bei einer brutalen Art von Tatsachenverfilmung frontal aufeinandertreffen, überlebt nur einer von beiden die letzte Szene.

"Das New York, in dem Burke wohnt, ist nicht den Gedanken eines anderen entsprungen und es schimmert auf den Seiten des Buches genauso farbenprächtig und furchterregend wie in Wirklichkeit.“ New York

"Vachss' Schreibstil gleicht einer düsteren Achterbahnfahrt der Angst, der Liebe und des Hasses." The New Orleans Times-Picayune

"[Vachss] schreibt hypnotisierend gewalttätige Prosa, zusammengesetzt aus gleichen Teilen von zerbrochenen Betonblöcken und Rasierklingendraht." Chicago Sun Times

"Vachss' Schreibstil bleibt roh und hungrig, mit einer Umhüllung des Zorns, einen kaum begrenzten Kern an Traurigkeit beinhaltend." Seattle Times

"Man hat keine Chance, ein Buch von Vachss aus der Hand zu legen, wenn man einmal mit dem Lesen begonnen hat … die Verknüpfungen der Handlung nehmen einen gefangen und die Bonmots schlagen ein wie Geschosse." Detroit Free Press

"Vachss könnte seinen Helden Burke ins Kaufhaus Mayberry schicken und der würde es trotzdem schaffen, einen dunklen Schwachpunkt der Sünde und Korruption aufzudecken." The Capital Times (Madison, Wisconsin)

Leseprobe:

Ich war nun schon einige Jahre weg. Tot und weg, sagte der Gerüchtestrom. Aber dieser Strom birgt immer mehr als nur eine Strömung in sich.

Kurz nach Mitternacht schlüpfte ich zurück über die Grenze, bewegte mich in Richtung des Windes aus dem Dunkel. Denn Hollywood hatte wenigstens einen Teil richtig erkannt - die dreckige, durchtriebene, herzlose Schlampe schläft tatsächlich niemals.

Vor allem jetzt nicht.

Die Gasse hinter Mamas Restaurant war so immun gegen die Zeit, wie die Grabkammer eines Pharaos. Zwei matt-orangene Ölfässer standen Wache. Ich steuerte die entchromte schwarze Schnauze des Subarus vorsichtig in die Öffnung zwischen ihnen, zu einem leeren Platz ölbefleckten Asphalts hinüber. Auf der verdreckten Mauer darüber, konnte man ein Quadrat aus rein-weißer Farbe sehen. In dem Quadrat waren chinesische Schriftzeichen in perfekt geformter Kalligrafie. Es war mit dem Kürzel von Max dem Stillen signiert, das Chinatown-Äquivalent eines Gefahrenzeichens mit Totenkopf und gekreuzten Knochen auf einer unbeschrifteten Flasche.

Ich ließ den Subaru gegen die Wand gleiten, machte mir nicht die Mühe ihn abzuschließen. Direkt auf der gegenüber liegenden Seite der Stelle auf der ich stand, war eine rostfarbene Stahltür ohne Griff. Ich schlug mit meiner Hand dreimal fest dagegen und trat zurück, verengte meine Augen zu Schlitzen, da ich wusste was nun kommen würde.

Die Tür öffnete sich nach außen. Ein plötzlicher Strahl verrußter gelber Kilowatts umrahmte mich an der Stelle. Der von hinten beleuchtete Schatten eines Mannes blockierte meinen Weg. Langsam bewegte ich meine Hände von meinem Körper weg, ließ sie nach unten gerichtet.

Der Mann sagte etwas auf kantonesisch.Ich bewegte mich nicht, ließ zu, dass er mich studierte. Die Tür schloss sich vor meiner Nase.

Ich hörte, wie sie hinter mir reinkamen, wechselte aber nicht die Position. Fühlte, wie ihre Hände mich abtasteten. Reagierte nicht.

Die Tür öffnete sich wieder; diesmal ohne Licht. Als ich eintrat, sah ich einen Mann in einer weißen Restaurantschürze zu meiner Linken stehen. Er hatte ein Hackbeil in seiner rechten Hand, die linke Hand umschloss das Handgelenk. Auf der anderen Seite der Küche, zwei weitere Männer. Einer von ihnen visierte mich an, über die Trommel einer Pistole hinweg, als sei ich ein Stück Land, das er im Begriff war zu vermessen. Der andere ließ seine Hände spielen, um mir zu zeigen, dass er nichts anderes brauchen würde.

Ich hörte, wie die Tür sich hinter mir schloss.

Die Männer, die mich beobachteten, waren Professionelle, ungefähr so nervös wie eine Yogagruppe auf Valium. Weiteres Warten. Für mich kein Problem, es ist das, was ich am besten kann.

"Du komm heim?"

Ich hörte ihre Stimme bevor ich sie sah.

"Yeah, Mama."

"Gut!" dröhnte sie, während sie aus dem Dunkel trat. "Du jetzt essen, okay?"

Mein Separee war das letzte am hinteren Ende, den Münztelefonen am nächsten gelegen. Es sah genauso aus wie mein Parkplatz. Als hätte es auf mein Auftauchen gewartet.

Ich rutschte auf meinen Platz. Mama stand da, mit gekreuzten Armen. Ich hatte nicht gehört, dass sie etwas in die Küche rief, aber ich wusste worauf sie wartete.

Der Typ, der keine Waffen brauchte, kam zum Separee, eine schwere weiße Terrine mit einer Hand tragend - Daumen auf dem Deckel, keine Serviette zwischen ihm und der Hitze. Er setzte die Terrine behutsam auf dem Tisch ab, die Botschaft, die er mir zuvor übermittelt hatte, unterstreichend.

Mama setzte sich und nahm in derselben fließenden Bewegung den Deckel ab, wobei sie eine Wolke von Dampf freisetzte. Keine Teezeremonie für sie; sie schöpfte eine kleine Schale der scharf-und-sauer Suppe heraus, so schnell wie sie das immer in der Futterausgabe damals im Gefängnis taten. Ich nahm einen kleinen Schluck, wusste, dass ich nicht auf sie warten brauchte.

Meine Stirnhöhlen befreiten sich, als ich fühlte, wie der bekannte Geschmack wieder einschlug.

"Perfekt", sagte ich ihr.

"Alles gleich", sagte Mama und nahm sich nun endlich selbst eine Schale.

Ich war bei meiner vierten Schale-drei sind das Minimum des Hauses-als Max auftauchte.

Er stand da, sah zu mir herunter. Prüfend.

"Mir geht’s gut", zeigte ich ihm an.

Er neigte seinen Kopf zur Seite.

"Ja, ich bin sicher", sagte ich mit lauter Stimme.

Er verneigte sich leicht, legte eine vernarbte Hand über die Faust, die er mit der anderen machte.

Mama gestikulierte ihren Befehl an ihn, sich zu setzen und Suppe zu essen. Max setzte sich neben sie, ohne seine Augen von mir abzuwenden. Er benutzte zwei Hände, um einen Baum zu zeigen, der aus dem Boden entsprang, dann zeigte er auf die Stelle wo die Wurzeln sein würden, seine geradlinigen Augebrauen als Frage angehoben.

Ich nickte langsam. Ja. Das war kein Besuch. Ich war zurückgekommen, um zu bleiben.

Es war schon zu spät, um den Rest meiner Familie erreichen zu können. Nicht weil sie schlafen würden; mitten in der Nacht arbeiteten sie.

Ich gab Mama die Schlüssel des Subarus. Einer der Bewaffneten hatte meinen Seesack reingebracht. Max schulterte ihn und wir machten uns auf den Weg.

Der schwache Schein der Straßenlaternen drang nicht weit in die Mündung der Gasse ein.

Es waren drei. Zu düster um Details zu erkennen, aber sie erschienen jung. Ich sah Metall blitzen.

Max streifte den Schulterriemen des Beutels ab und gab ihn mir. Ich zog eine hahnlose .38er aus der Seitentasche. Eine „Einwegwaffe“, die Mama mir zu meiner Mitnahmebestellung dazugepackt hatte. Mattiertes, gebläutes Stahl, der Kolben mit schwarzem Isolierband umwickelt.

Die drei Gestalten trennten sich. Max bewegte sich nach links, ich nach rechts.

Es war so still, dass ich die Geräusche einer Ratte hören konnte.

Wir bewegten uns weiter vorwärts.

Als wir nah genug bei ihnen waren, so dass sie Max sehen konnten, glaubten sie nicht mehr an ihre Gewinnchancen.

Es war nur noch ein paar Blocks weit, bis zu dem Gebäude in dem Max wohnte. Wir betraten es durch den Seiteneingang, bestiegen eine Treppe zu seinem Tempel.

Immaculata, seine Frau, erwartete uns oben. Sie hielt einen Finger an ihre Lippen, was an mich gerichtet war.

"Flower schläft", sagte sie leise.

"Okay", flüsterte ich zurück.

"Oh, Burke", sagte sie. "Wir wussten nie, ob Du-"

"Mir geht’s gut, Mac."

"Mein Mann wollte sich auf den Weg machen, um bei dir zu sein. Aber Mama sagte, du wärst-"

"Das wäre es nicht wert gewesen. Und es ist jetzt egal, Mädchen. Das ist erledigt."

"Bist du für immer zurückgekommen?" fragte sie, genau wie Max.

"Ja. Ich weiß nicht, ob das hier der Ort für mich ist, Mac. Aber eines weiß ich ganz sicher; es gibt keinen anderen.“

"Kommst du hier unten zurecht? Nur heute nacht? Sobald wir es Flower sagen, kannst du-"

Sie stoppte im Satz, auf Max’s Daumen reagierend, der ihren Handrücken berührte. Max kann nicht hören, aber er liest Vibrationen als wären es Schlagzeilen.

"Ich weiß es schon, Mami!" sagte Flower während sie ins Zimmer stürzte und auf mich zu rannte. Ich war im Begriff mich herunterzubeugen um sie hochzuheben, aber das kleine Baby das ich von Geburt an kannte, war zum Teenager geworden. Sie umarmte mich und vergrub ihren Kopf an meiner Brust.

"Burke, Burke ...", schrie sie und umklammerte mich, als könnte ich ihr wieder davonlaufen.

Mac erklärte Flower, ich sei lange unterwegs gewesen und bräuchte etwas Schlaf. Flower lächelte süß und ignorierte sie, verlangte einen Bericht über alles, was ich getan hatte seit ich weggegangen war und mit wem ich was getan hatte.

Ich sah die Warnlichter in den Augen ihrer Mutter aufblitzen und speiste sie mit Allgemeinheiten ab.

"Das letzte mal als ich dich gesehen habe, warst du so...“

Die Stimme des Mädchens verstummte.

"Mir geht’s wieder gut, Flower. Genau wie vorher.“

"Du … siehst nicht aus wie früher. Kein bisschen."

"Hey! Ich habe ziemlich viel Geld bezahlt für diese ganze plastische Chirurgie. Was? Du meinst nicht, dass ich den Robert Redford Look getroffen habe?“

"Oh, Burke." Sie kicherte.

"Ich habe nichts Wesentliches verloren", sagte ich sanft. "Verstehst du?"

"Ich erinnere mich, was passiert ist", sagte Flower, als würde sie eine Lektion rezitieren. "Du wurdest angeschossen. Du bist fast … gestorben. Sie mussten dich wieder in Ordnung bringen. Und deshalb ist dein Gesicht anders, das ist alles. Du siehst jetzt so viel besser aus, als bei deinem letzten Besuch ... vorher.“

"Klar. Die Ärzte sagten, ich würde Tag für Tag besser aussehen. Mit Geld-zurück-Garantie.“

"Mami! Burke soll keine Witze machen“, appellierte sie an Immaculata gerichtet.

"Das ist Burke, Kind. Dein Onkel, den du so innig vermisst hast. Du weißt, dass er niemals ernst sein kann."

Das Mädchen warf ihrer Mutter einen Blick zu, der sie wesentlich älter erscheinen ließ, als sie tatsächlich war.

Als Flowers sämtliche Fragen restlos beantwortet waren, begann Tageslicht durch die hohen Fabrikfenster zu dringen. "Schon gut!", rief sie ihrer Mutter zu und drückte mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange bevor sie davonrannte, um sich für die Schule fertig zu machen.

Max gestikulierte so, als spiele er Bongos und schaute dabei von Seite zu Seite. Er sagte mir, die Nachricht würde verbreitet.

Ich lehnte mich zurück auf dem Futon. Schloss meine Augen und wartete darauf einzuschlafen. Ich fragte mich, wann ich mich wohl stark genug fühlen würde, um meiner Heimatstadt im Tageslicht entgegenzutreten.

"Was hab ich Dir gesagt, Mädchen?", krähte der kleine, gut aussehende schwarze Mann vor Freude. "Süßkartoffeltörtchen; die Wurzeln führen zurück ins Örtchen. Hab ich’s nicht gesagt? Reimte den Reim-Schuljunge kommt heim."

"Ja, Prof”, sagte Michelle. Ein freches Grinsen zeichnete sich unterhalb ihrer liebevollen Augen ab. "In Ordnung, das hast du gesagt. Jeden einzelnen Tag, seit er fort war.“

"Mein Vater-" Clarence schritt ein, um den Prof zu verteidigen.

"Oh, Schatz, bitte", Michelle fiel ihm abrupt ins Wort. "Jeder weiß, dass der Prof die Zukunft vorhersagen kann und das alles, okay? Er lag einfach nur ein wenig voraus bei der Sache.“

Wir waren in Mamas Restaurant, am runden Tisch in der Ecke. Der Tisch, der ständig ein von Fliegen beschmutztes „Reserviert für Gesellschaft“ Schild zur Schau stellte. Ich verstand nie, warum Mama sich die Mühe machte-kein Tourist probierte das Essen ein zweites Mal und ein Einheimischer würde es gar nicht erst riskieren.

"Gib’s auf, Kleiner", sagte der Prof, während seine Hand wie in alten Zeiten in meine Hemdtasche griff. "Hä!" grunzte er, als er sie leer vorfand. "Wo sind die Glimmstängel, du Bengel?"

"Ich rauche nicht mehr wirklich", erklärte ich ihm. "Benutze sie nur als Requisiten."

"Deine Pumpe? Seit die ..."

Seine Stimme erstarb. Clarence neigte seinen Kopf, so als hätte der Mann den er seinen Vater nannte, vor einem Priester blasphemiert.

"Es ist okay", erklärte ich allen. "Mein Herz ist in Ordnung und"-ich sah in die Runde um sicherzugehen, dass alle es verstanden hatten-"ich habe auch keine mentalen Aussetzer. Es ist einfach nur so, dass die Zigaretten seitdem nicht mehr so schmecken wie früher.“

"Noch nicht einmal nach dem ...?"

"Nein, Michelle." Ich lachte.

"Du sagst an, Mann" sagte der Prof, nahm widerstrebend eine seiner gehorteten Zigaretten heraus und zündete sie an.

Es dauerte lange, bis alle zufriedengestellt waren. Michelle war die Schlimmste. Kleine Schwestern sind immer so. Ich musste ihnen ungefähr ein dutzend Mal erklärt haben, dass es mir gut ging. Einfach nur nach Hause kommen wollte.

"Was ich nicht weiß, ist, wie die Dinge … jetzt sind“, sagte ich.

“In den ersten Tagen wurden die Trommeln geschlagen“, sagte der Prof. "Aber dann warn ein paar Monate rum und die Leitungen wurden stumm."

"Und die Leute, die das verursacht haben ...?", warf Michelle ein.

"Weg", sagte ich, ihre geschwungenen Augenbrauen betrachtend, so dass ich ihr nicht in die Augen sehen musste. "Alle sind weg."

Der Prof und Clarence waren am Anfang in der Nähe, Michelle in der Mitte, aber keiner von ihnen am Schluss.

"Wenn es hier überhaupt Schwierigkeiten gibt, dann nur seitens der Polizei. Sie könnten immer noch nach mir suchen.“

"Du hattest ein Recht darauf, aus dem Krankenhaus zu verschwinden, mahn”, sagte Clarence entrüstet. "Es ist nicht so, als wäre das ein Ausbruch gewesen.“

"Yeah", sagte ich, die Sache durchdenkend. "Aber eigentlich dürfte ich nicht als vermisst gelten, richtig? Eigentlich sollte ich tot sein."

"Ja", fügte Mama hinzu. "Hand aus Knochen."

"Das war geschickt.”, bemerkte der Prof anerkennend. „Ich hätte nie gedacht, dass es diese fossile Walze so in sich hat.“

Er meinte Morales, diesen pitbullartigen Polizisten, der mich schon seit ewigen Zeiten hasste. Aber er hatte auch noch eine Rechnung mit mir offen. Und er war die Art von Mann, der nicht schlafen konnte, wenn seine Bücher nicht stimmten. Nachdem ich die Fliege gemacht hatte, war er zum Restaurant gekommen und hatte Mama erzählt, er bräuchte eine Fläche, auf der ich einen Abdruck hinterlassen hatte. Kurz darauf findet irgendjemand eine menschliche Hand in einem Müllcontainer. Nicht das Fleisch, sondern nur die Knochen. Und direkt daneben eine Pistole. Mit meinem Daumenabdruck auf dem Griff.

Das NYPD setzte die Teile des Puzzles zusammen. Man entschied, es sei die Revanche für einen russischen Ganoven gewesen, den man in seinem eigenen Restaurant weggepustet hatte. Der Russe hatte eine Übergabe arrangiert-Cash gegen ein entführtes Kind-und ich war der Mittelsmann. Dabei wurde ich dann angeschossen. Und dabei wurde Pansy, mein treu ergebener Neapolitanischer Mastiff, getötet als sie versuchte mich zu schützen.

Wie bei allen anderen die hier unten leben, hängt mein Ruf davon ab, mit wem man spricht. Und wie man fragt. Aber der Gerüchtestrom führt immer einen Teil der Wahrheit mit sich: Rache ist Burkes Religion. Wenn du einen der Meinen tötetest, dann tötete ich dich. Schicke dich ins Jenseits schicken, oder gehe selbst dorthin bei dem Versuch.

Also hielten die Bullen mich für Dmitris Killer. Und sie lasen in den Inhalten des Müllcontainers, wie es letztlich dazu gekommen war.

Das war die halbe Wahrheit.

In sämtlichen Computern der Verfolgungsbehörden bin ich nun als „verstorben“ registriert. Nicht als Entflohener. Nicht als einer, der die Bewährungsauflagen verletzt hat. Keine Haftbefehle, keine Steckbriefe. Es war wahrscheinlich das erste Mal in meinem Leben, dass der Staat, der mich aufgezogen hatte, nicht irgendwas von mir wollte.

Allerdings waren meine Fingerabdrücke unverändert und wir wussten alle, wie der Hase lief. Ich würde heute ein goldenes Leben führen, aber es würde sich in Sekundenschnelle in ein widerwärtiges Grün verwandeln falls sie mich erwischten.

Niemand wäre jemals in der Lage, Morales zu fragen. Als die ferngesteuerten Flugzeuge das World Trade Center niederrissen, war er einer der ersten Polizisten, die in die flammenden Ruinen stürmten. Wie ich Morales kenne, war er nicht wegen der Bergungsarbeiten dort. Er hatte es nicht mehr geschafft, dort rauszukommen.

“Wer werde ich also jetzt sein?”, fragte ich meine Familie.

Mama antwortete in die Stille hinein: “Immer noch du sein.”

"Ich kappier’s nicht", sagte ich ihr.

"Wenn Familie lebt, nie tot, okay?"

"Klar, im Geiste, Mama. Aber ich spreche hier von-"

"Geist? Nicht Geist. Nicht tot", fauchte sie wütend.

Ihre weisen alten Augen forderten jeden heraus der nicht zustimmte.

"Meinst du, Schuljunge soll Burke sein mit neuem Gesicht, Mama?“ fragte sie der Prof.

“Nein, nein”, blaffte sie. "Leute schulden Geld, okay? Warum zahlen? Burke weg. Wer soll holen gehen? Niemand. Richtig?“ fragte sie, schaute in die Runde und wartete auf eine Bestätigung.

"Niemand holt?"

"Nicht ich oder Clarence", sagte der Prof.

Max schüttelte seinen Kopf, sich der Meinung anschließend.

"Ihr glaubt doch wohl nicht, ich würde in diese Schlägertypengeschäfte einsteigen?“ warf Michelle schnell ein.

"Sicher!" sagte Mama triumphierend.

"Aber Leute kommen hierher, okay? Kommen mit Geld. Sagen: 'Das für Burke', lassen bei mir. Vielleicht denken er tot, aber nicht sicher, okay?"

"Wer ist gekommen?" fragte ich sie.

"Viele Leute", sagte sie wegwerfend. "Egal, sehen dich jetzt, dich nicht kennen, okay? Du nicht so aussehen, aber so sprechen, okay? Du wissen was Burke weiß. Vielleicht du sein Bruder. Cousin. Deshalb Name gleich. Vielleicht immer noch du, neues Gesicht. Was macht aus? Niemand wird jemals wissen. Nicht sicher, nie wissen."

"Ich finde, das macht Sinn", sagte ich und gab die Sache weiter.

"Prof?"

"Könnte sein", sagte der kleine Mann, der Mama nicht widersprach, ihr aber auch nicht zustimmte.

"Gibt nur einen Weg das rauszufinden."

Als wir uns trennten, war die Hauptverkehrszeit schon vorbei. Michelle sagte, sie müsse schlafen gehen. Der Prof und Clarence tauschten konspirative Blicke aus, sagten irgendwas über die Erledigung der letzten Feinarbeiten an einer geklauten Kiste, die sie für mich aufgetrieben hatten. Ich ging raus durch die Hintertür, in die Gasse. Ein beigefarbener Honda Accord stand da im Leerlauf. Ich setzte mich auf den Vordersitz. Max setzte sich nach Hinten.

"Burke!" Der junge Mann hinter dem Steuer schrie fast. Bevor ich ihm antworten konnte, beruhigte er sich wieder und fragte: “Du bist es doch, oder?"

"Ich bin’s, Terry", sagte ich. "Verdammt noch mal, ich hätte dich auch fast nicht erkannt."

"Ich bin jetzt ein Mann", sagte er.

Er war noch ein Junge gewesen, als ich ihn von einem Zuhälter auf dem Babystrich des Times Square wegholte, noch lange vor der Zeit, als Mickey Mouse das Gebiet übernahm. Er reichte seine Hand nach hinten, damit Max einschlagen konnte, dann faltete er seine Handfläche zu einer Faust und klopfte sich zweimal an sein Herz.

Terry fuhr langsam aus der Gasse heraus, in Richtung des FDR steuernd.

"Die Kiste ist okay, oder? Ich wusste, du würdest nichts wollen was irgendwie auffällig wäre."

"Die ist klasse", versicherte ich ihm. "Hast du Papiere? Zulassung?"

Er warf mir einen Blick zu, den Kinder jenen Erwachsenen zuwerfen, die in eine Entziehungsklinik gehören.



Ein Auszug aus dem Roman Only Child von Andrew Vachss.

© 2002 Andrew Vachss. All rights reserved.
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Down Here
von Andrew Vachss

Ein markerschütternder neuer Thriller vom Meister des American Noir.

Viele Jahre lang hat Burke Wolfe angehimmelt – eine frühere Strafverfolgerin für Sexualverbrechen, die gefeuert wurde, weil sie es abgelehnt hatte mitzuspielen, um oben zu spielen. Sie beschreiten verschiedene Seiten der Straße, wenn es um "Gerechtigkeit" geht, aber sie teilen einen grenzenlosen Hass auf Raubtiere ... so dass Burke weiß, dass etwas oberfaul ist, als er hört, dass Wolfe wegen versuchten Mordes verhaftet worden ist – und er sich einmischt.

Burke findet heraus, dass Wolfes angebliches Opfer ein brutaler Serienvergewaltiger ist, den sie persönlich belangt hatte. Er ist wieder auf der Straße, weil sein Urteil aufgehoben wurde, und jedes auf der langen Liste seiner Opfer hat ausreichend Motive, um ihn zu töten. Je tiefer Burke in die Nachforschungen einsteigt, desto mehr Löcher findet er in der Anklage gegen Wolfe. Doch die Staatsanwaltschaft macht weiter Druck, und Burke muss herausfinden, was für ein Spiel sie treibt. Händel mit dem Teufel sind ihm nicht fremd, und so nimmt Burke die Ermittlung der Vergewaltigung wieder auf – auf seine Weise.

DOWN HERE
Andrew Vachss. Knopf, $19.95 (288 Seiten) ISBN 1-4000-4173-2
Ursprünglich veröffentlicht in Publisher's Weekly

Burke ist zurück ... voller Wut – und mit der vollzähligen Besatzung der Gesetzlosen, die sein ungefähres Dutzend voriger Noir-Abenteuer bevölkert haben. Für Neulinge: Da gibt es Max den Stillen und den Prof. (kurz für Professor wie Prophet gleichermaßen), Pepper, den Maulwurf, und Michelle – alles Leute der Straße ... ebenso wie der riesige und bedrohliche Rottweiler, bekannt als Bruiser, der die schöne Verbrechensbekämpferin Wolfe beschützt. Keine Serie bietet eine reichhaltigere Welt von Menschen der Nacht – oder eine, die ebenso dunkel und brutal wäre. Für den Burke-Fan ist der Plot fast zweitrangig neben dem Eintauchen in Vachss' verführerisch aufregendes Schattenland von Downtown Manhattan. Aber diese Folge hat auch einen großartigen Aufhänger: Burke und Co. müssen zu Hilfe kommen, als Wolfe, eine rechtschaffene frühere Staatsanwältin, die auf Sexualverbrechen spezialisiert war, fälschlich des versuchten Mordes an einem der Serientäter bezichtigt wird, den sie früher einmal aus dem Weg geräumt hatte: ein Unmensch namens John Anson Wychek. Vachss' Prosa ist in seiner Darstellung des Prozesses gegen die schweigsame Wolfe auf ihrer spröden Höhe – ebenso bei Wycheks krimineller Vergangenheit. Schließlich findet Burke heraus, dass Wychek unerklärliche Unterstützung durch die Bundesbehörden erhält, und denkt sich einen komplizierten Schwindel aus, um ihn in die Falle gehen zu lassen. In der Rolle von Reporter-Kumpel J. P. Hauser steigt Burke in das Leben von Wycheks Yuppie-Schwester Laura ein. Dieses ausgedehnte Katz- und Maus-Spiel (Oder verliebt sich Burke gar?) besitzt ebenso stille Tiefe wie Spannung. Burke ist ein Original: oft imitiert, aber nie erreicht, weil Vachss die Latte immer höher legt.

Quelle: www.vachss.de

Der Blues wurde deshalb erfunden, weil die Seele vieler Menschen sonst noch schneller verkümmert wäre!


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