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Gipsy ( gelöscht )
Beiträge:

29.07.2007 23:00
RE: Peter Bieri - Geheimleben eines Philosophen antworten

Der Schweizer Professor Peter Bieri schlüpft gern in die Haut von Pascal Mercier, einem provokanten Romancier


Peter Bieri alias Pascal Mercier


Eigentlich könnte Peter Bieri ein Star sein. Er könnte sich wie Alain de Botton als populärer Philosoph inszenieren und wie Umberto Eco als Grossschriftsteller feiern lassen.
Denn der aus Bern stammende Philosoph ist ein seltener Glücksfall für die deutschsprachige Kultur. Er hat nicht nur mit "Das Handwerk der Freiheit" ein höchst lesbares Werk über die "Philosophie des Willens" verfasst.

Von der Kritik hymnisch gefeiert, hat sich das Werk in einer für ein wissenschaftliches Sachbuch sensationellen Auflage von 40 000 Exemplaren verkauft. Er hat auch unter dem Pseudonym Pascal Mercier mit "Perlmanns Schweigen" und "Der Klavierstimmer" zwei Romane vorgelegt, die enthusiastische Vergleiche mit Max Frisch, Thomas Mann, Franz Kafka und Wladimir Nabokow auslösten.

Nichts scheint dem sechzigjährigen Professor, der in Berlin den Lehrstuhl für analytische Sprachphilosophie innehat, ferner zu liegen: "Ich besitze zwar auch meine Portion Eitelkeit, war aber fast schockiert, als ich merkte, wie wenig mir der Erfolg meiner Bücher bedeutet. Ich fühle mich als Zuschauer am Rande wohler."

Im Hanser-Verlag hofft man auf einen Bestseller

Doch ganz will und kann er sich der Öffentlichkeit nicht mehr verschliessen. Die Vorbestellungen für den neuen Roman "Nachtzug nach Lissabon" haben alle Erwartungen übertroffen. Im Hanser-Verlag hofft man auf einen Bestseller. Daraus ergeben sich Verpflichtungen. Trotzdem überrascht es, dass Bieri zum Interview nicht in ein neutrales Café bittet, sondern in sein Haus am Stadtrand von Berlin einlädt.

Vielleicht hängt das ja mit Edmund Gregorius zusammen. Der Protagonist seines neuen Romans, ein etwas verschrobener, in sich gekehrter Lateinlehrer, lässt eines Tages sein bisheriges Leben hinter sich. Fasziniert von den zufällig gefundenen Aufzeichnungen eines portugiesischen Arztes, fährt er kurz entschlossen nach Lissabon, um das Leben dieses Amadeu de Prado zu rekonstruieren. Und entdeckt, dass in ihm noch ein anderer Gregorius schlummert, der das Abenteuer und den Kontakt zu den Menschen sucht.

"Es ist wohl schon so, dass sich meine Distanz zur Welt beim Schreiben dieses Romans verringert hat", antwortet Bieri auf die Frage nach dem Zusammenhang von Fiktion und der Bereitschaft, Privates preiszugeben. Trotz dieses vorsichtigen Sinneswandels macht Bieri aber keinen Hehl aus seinem Unbehagen an der Gegenwart: "Es gibt Dinge in der heutigen Welt, die ich absolut nicht ausstehen kann. Die Grellheit der Medien, das Tempo der Elektronik, die Verwahrlosung der Sprache. Ich hätte gerne in einer früheren Zeit gelebt, vielleicht Ende des 19. Jahrhunderts, denn elektrisches Licht, das hätte es schon geben müssen."

Unschlüssig und ein wenig verloren stellt er sich denn auch dem Fototermin in seiner kleinen, birkenüberschatteten Grün- derzeitvilla, die er mit seiner Frau bewohnt. Weltläufig wirkt der Mann nicht, der in Berkley und Harvard gelehrt hat.

Doch sobald Bieri an seinem spartanischen Schreibtisch Platz nimmt, auf dem ein halbes Dutzend Stifte ordentlich, aber nicht exakt parallel ausgerichtet neben einem aufgeschlagenen Manuskript liegen, vollzieht sich eine verblüffende Veränderung.

Seine Augen beginnen zu leuchten. Und ein spitzbübisches Lächeln umspielt seine Lippen, als er mit bedächtigem, noch immer bernerisch gefärbtem Zungenschlag erzählt, warum heute seine grosse Leidenschaft nicht mehr der Philosophie, sondern der Literatur gilt: "Ich habe schon als Student lieber Romane gelesen als philosophische Abhandlungen", gesteht der Spätberufene, der Max Frisch und Robert Walser als seine grössten Einflüsse nennt.

"Ich möchte die strenge Logik nicht missen, aber heutzutage ist die Philosophie ein Handwerk. Viel mehr als die Analyse von Begriffen reizt es mich, in die unterste irrationale Schicht einer Person vorzudringen."

Die Freude an Anarchischem hat Bieri sich erst spät eingestanden

Tatsächlich sind all seine Protagonisten Menschen, die sich wider besseres Wissen nur mühsam aus ihren Zwängen befreien. Und denen dies manchmal eben nicht gelingt. Amadeu de Prado, der scharfsinnige, untadelige Arzt und Denker, dessen Gedankenwelt Gregorius Seite für Seite aufblättert, bleibt Zeit seines Lebens im Selbstzweifel gefangen. Um dem hippokratischen Eid zu gehorchen, greift er im Portugal des Diktators Salazar widerwillig, aber ohne zu zögern zur Adrenalinspritze und holt einen ranghohen Schlächter des Regimes ins Leben zurück. Um seine Tat "wiedergutzumachen" schliesst er sich dem Widerstand an und sieht sich bald darauf erneut mit einer existenziellen Frage konfrontiert: Soll er die Frau, die er heimlich liebt, dem Tod überantworten oder das Vertrauen seines Freundes Jorge missbrauchen?

Amadeu de Prado ist die heimliche Hauptfigur in Bieris sprachmächtigem Roman. Mit einem Feingefühl für die subtilsten Facetten des Denkens, für die verborgene Bedeutung kleinster Gesten und Gemütsregungen schildert er den inneren Zwiespalt seines Helden.

"Mich in Prado hineinzuversetzen, war eine unglaubliche Befreiung", resümiert Bieri sein Schreiberlebnis. "Solch kategorische Urteile würde sich der Privatmensch Peter Bieri gar nicht zutrauen."
Prado traut sich sogar, Bieris Philosophie in Frage zu stellen. "Ja, ich empfinde eine anarchische Freude, der Begriffswelt, die ich als Philosoph entwerfe, eine existenzielle Dimension des Daseins entgegenzusetzen, die vollkommen quer dazu steht."

Eingestanden hat Peter Bieri sich diese Freude am Anarchischen erst spät. Zwar offenbart schon die Begeisterung des jungen Bieri für Karl May ein bis heute andauerndes Fernweh, und auch in seiner Liebe zu fremden Sprachen mag man den Drang erkennen, "aus der Enge der Schweiz in eine grossartigere Welt aufzubrechen".
Von der Leidenschaft für Griechisch, Hebräisch, Latein und Sanskrit, zu denen sich im Lauf der Zeit noch ein halbes Dutzend weitere Sprachen gesellten, zum provokanten Romancier war es dennoch ein weiter Weg.

Der Preis für diese aussergewöhnliche Karriere war das lange Ringen mit den Zwängen einer rigiden Erziehung, die einer "protestantischen Ethik zweiter Ordnung" folgte. Oder einfach "den Gesetzen der Spiessermoral", wie Peter Bieri schmunzelnd hinzufügt. Sein Blick schweift zum Fenster, durch das wie auf Bestellung die Dämmerung hereinbricht.

"Es ist schon so", fährt er leise fort, "dass ich beim Schreiben mehr bei mir selber bin als bei jeder anderen Tätigkeit. Ich kenne auf der ganzen Welt nichts Schöneres als einen gelungenen Satz."

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www.sonntagszeitung.ch
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Peter Bieri alias Pascal Mercier gehört seit seinem Roman "Perlmans Schweigen" zu meinen ganz großen Lieblingen im "literarischen Schreibbetrieb".
Ich wußte damals weder, dass er Schweizer, noch dass er Professor der Philosophie, noch dass Pascal Mercier ein Pseudonym ist...lediglich o.g. Buch hat mich "aus den Socken gehauen" - im wahrsten Wortsinn!
Seither gehört er für mich zu der Sorte Autor, von dem man alle Bücher lesen und haben möchte - auch dann, wenn man sie sich vielleicht nicht gekauft hätte, wäre man bezüglich des Autors nicht "vorbelastet"...

Übrigens halte auch ich den "Nachtzug nach Lissabon" für ein phantastisches Buch, das sämtliche Lobeshymnen mehr als verdient hat. Es läßt einen - wenn man es denn durchgelesen hat - lange Zeit nicht los, hält einen gefangen...

Ein wirklich sympathischer, netter und kluger Mann, und noch dazu ein herausragender Schriftsteller...eine wahre Rarität!

Gipsy

:writly:

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