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 ~°~ MEDIZINISCHES in Kindheit und Jugend ~°~
Gipsy ( gelöscht )
Beiträge:

03.07.2007 10:22
RE: ! ! Psychische Gesundheit von Kindern ! ! antworten

Ich schicke voraus: Es ist zwar ein relativ langer Bericht, aber er ist wirklich lohnenswert und vielleicht hält ja der ein oder andere bis zum Ende durch!
Dafür schon mal ein Dankeschön
!


Psychische Gesundheit von Kindern: Psychologen fordern mehr und gezieltere Prävention

Etwa ein Fünftel der deutschen Kinder und Jugendlichen muss als psychisch auffällig eingestuft werden. Darauf machen zwei aktuelle Publikationen aufmerksam: Der "Bericht zur Kinder- und Jugendgesundheit in Deutschland" des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) und die "Ergebnisse des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KIGGS)" des Robert Koch Instituts (RKI).

Beide konstatieren übereinstimmend: Je niedriger der sozioökonomische Status, desto wahrscheinlicher ist das Auftreten psychischer Störungen. Nicht nur die derzeitige Lebensqualität der betroffenen Kinder und ihrer Familien ist beeinträchtigt, sondern auch ihre Zukunft. Den Kindern entgehen dadurch wesentliche Bildungs- und Entwicklungschancen.

Nach der amtlichen Todesursachenstatistik haben sich im Jahr 2005 239 junge Menschen unter 20 Jahren das Leben genommen. Man muss davon ausgehen, dass sich in der Zahl der Unfalltoten weitere versteckte Suizide verbergen. Die Zahl der Selbstmordversuche wird je nach Quelle auf das 10 bis 30fache geschätzt.
Die Suizidzahlen spiegeln nur die schlimmsten, weil irreversiblen, Fälle seelischen Leids wider.


320.000 junge Menschen – das entspricht 5% der Kinder und Jugendlichen – müssen aufgrund ungünstiger Entwicklungsverläufe als chronisch psychisch beeinträchtigt eingestuft werden. Dies stellt der als "Erster Bericht zur psychischen Lage der Nation" veröffentlichte BDP-Bericht zur Kinder- und Jugendgesundheit fest und weist gleichzeitig darauf hin, dass in Deutschland derzeit eine erhebliche Unterversorgung selbst der als "dringend behandlungsbedüftig" eingestuften 5% der Kinder und Jugendlichen vorliegt.

Die Zahl der auffälligen Kinder, deren Problemen das Erziehungs- und Bildungssystem begegnen muss, liegt aber weit höher. In beiden Berichten – der BDP-Bericht versteht sich nach dem Selbstverständnis der Herausgeber als ergänzend zur Gesundheitsberichterstattung des RKI – finden sich ähnliche Zahlen:

* Etwa 10% der jungen Menschen weisen Angststörungen auf,
* 7 bis 8 % Störungen des Sozialverhaltens und rund
* 5 % der Kinder und Jugendlichen leiden unter Depressionen.


Psychische Probleme schmälern Lebenschancen

Insgesamt entspricht die Zahl derjenigen Kinder und Jugendlichen mit psychischen Störungen in etwa der Quote der Erwachsenen. In der sensiblen Entwicklungsphase sind psychische Probleme aber aufgrund ihrer Langzeitfolgen noch weitaus dramatischer: Allgemein anerkannt ist inzwischen, dass Wohlbefinden und Zufriedenheit ausschlaggebende Faktoren für den Bildgungserfolg sind. In der Gruppe der Kinder und Jugendlichen mit niedrigem sozioökonomischen Status liegt die Quote der psychischen Beeinträchtigungen sogar bei 31,3% .
Es ist also festzustellen, dass fast einem Drittel der sozial benachteiligten Kinder aufgrund mangelnder psychischer Gesundheit Bildungs- und damit Lebenschancen versagt bleiben. Damit wird der Grundstein für individuelle und gesellschaftliche Probleme von morgen gelegt – nicht nur im Bereich der Gesundheit. Die jüngste Unicef-Vergleichsstudie über Kinder in Industriestaaten, bei der Deutschland nur auf Rang 11 landete und die auch dem deutschen Gesundheitssystem schlechte Noten ausstellt, formuliert es umgekehrt so: "Prävention ist in dieser Perspektive nicht nur im Interesses des Kindeswohls, sondern langfristig im Interesse der gesamten Gesellschaft." Nach dieser Unicef-Studie ist der Anteil der Kinder, die in relativer Armut aufwachsen, in Deutschland stärker angestiegen als in den meisten anderen Industriestaaten.
Und in keinem anderen OECD-Land entscheidet die soziale Herkunft der Eltern so stark über den Schulerfolg.(!! Anm. von mir)

Der BDP-Bericht benennt nicht nur verbesserungswürdige Lebensumstände von Kindern und Jugendlichen, er spricht auch Empfehlungen aus, die sich sowohl auf die Qualität und Verfügbarkeit der Versorgung beziehen, als auch solche, die die Prävention betreffen. Hierzu wird empfohlen, sich vorrangig auf die Störungsbilder zu konzentrieren, die die ungünstigsten Verläufe und die größten gesellschaftlichen Folgekosten aufweisen wie

*Störungen des Sozialverhaltens,
* Delinquenz,
* Substanzmissbrauch,
* Prävention von Depression und Suizid.

Er fordert, insbesondere für Kinder aus ungünstigen Verhältnissen Präventionsansätze in Kindergarten, Schule und Gemeinwesen zu integrieren.
Durch selektive Ansätze für spezielle Risikogruppen soll darüber hinaus die Zugangswahrscheinlichkeit sozial Schwacher zu präventiven Angeboten erhöht werden.

Die Präventions-Empfehlungen des Berichtes für den schulischen Bereich decken sich an vielen Stellen mit den Vorstellungen der AG 1 des Deutschen Forums Prävention und Gesundheitsförderung. Beispielsweise heißt es in dem Bericht: "Politische Entscheider und verantwortliche Akteure auf der Ebene der Länder und Kommunen sollten Ansätze zur Entwicklung einer gesunden Schule, insbesondere durch Entwicklung des Schulklimas und der Implementierung von Gesundheitsförderung unterstützen."
Weiter betont der Bericht auch die Bedeutung der Integration von Eltern in die Entwicklung der gesunden Schule und stellt fest: [i]"Bildungsförderung und Gesundheitsförderung sind eng verbunden und verstärken sich in ihrer Wirkung."[/i]


Gezielt Ressourcen stärken

Bedeutsam für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen ist es, den Blick nicht nur auf die Auffälligkeiten zu richten, sondern vor allem auch die Ressourcen herauszuarbeiten, die Kinder schützen, so dass psychische Störungen nach Möglichkeit vermieden werden. Daher hat sich eine eigene Teilstudie von KIGGS speziell mit dem Vorhandensein von Risiken und Ressourcen für die psychische Entwicklung befasst. Abgefragt wurden persönliche Schutzfaktoren wie

* Kohärenz-Sinn,
* Optimismus und
* Selbstwirksamkeitserwartung,
* familiäre Ressourcen wie familiärer Zusammenhalt,
* Familienklima und
* Erziehungsverhalten der Eltern sowie
* soziale Unterstützung durch Gleichaltrige und Erwachsene.

Es zeigt sich, dass bei den persönlichen, familiären und sozialen Ressourcen bei jeweils etwas mehr als einem Fünftel der Kinder Defizite vorhanden sind. Und auch hier gilt: Je niedriger der sozioökonomische Status, je höher der Anteil der Kinder, denen Ressourcen in diesen Bereichen fehlen. Bei den Kindern aus ungünstigen Verhältnissen ist es etwa jedes vierte Kind, dass hier nicht als unauffällig eingestuft werden konnte.

Die Autoren der Studie weisen darauf hin, dass sinnvolle Prävention psychischer Störungen bei der Stärkung persönlicher, familiärer und sozialer Ressourcen ansetzen muss, zumal bestimmte Risikofaktoren wie ein niedriger sozioökonomischer Status oder ein unvollständiges Elternhaus nicht oder kaum beeinflussbar sind.

Hier ist es vor allem wichtig, unzureichende Ressourcen-Ausstattung von Kindern früh zu erkennen, um gezielte Präventions-Maßnahmen einleiten zu können.

Quelle: Deutsches Forum Prävention und Gesundheitsförderung
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www.forumpraevention.de
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Trotz einiger - doch sehr befremdlich gewählter Ausdrücke und Formulierungen - halte ich diesen Bericht für absolut real und wirklichkeitsnah.
Ausdrücke wie "Ressourcen-Ausstattung" hängen wohl eher mit der einfacheren Handhabung des Gemeinten zusammen, bestimmte Gegebenheiten lassen sich in einem immer wiederkehrenden Ausdruck nunmal leichter merken, da sie eingängiger sind:
Das zur teilweise eigentümlichen Formulierung (da gibts noch mehr...)

Ansonsten kann ich vielen Ergebnissen auch aus der Beobachtung im Alltag nur zustimmen.
Allerdings:
Unsere Bücherschränke beherbergen durchaus Werke von Goethe über Kafka bis Giordano Bruno, wir haben anerkannte Berufe und meine Tochter geht dennoch zur Hauptschule! Sie wurde von uns mit Liebe überhäuft, ihr wurde vorgelesen, sie wurde getröstet und bestärkt und hatte immer Zugang zu allen Bildungsrelevanten "Reliquien" und litt dennoch unter einer Schulphobie...sie war bei einer Kinderpsychiaterin, die das gottlob wunderbar in den Griff bekam, aber der Weg dahin war hart und steinig!
Das zu den "Ressourcen" und dem Umfeld in dem ein Kind bestenfalls aufzuwachsen hat - theoretisch müßten unsere Mädels Einser-Schülerinnen auf dem Gymnasium sein und mit wehenden fahnen Richtung Abitur steuern, mal abgesehen vom Alter (13 und 10)!

Aber Theorie und Praxis liegen eben - wie so oft - auch hier ganz schon weit auseinander! Vielleicht kann man heute tatsächlich schon froh sein, wenn die eigenen Kinder nicht unter die 5% "chronisch psychisch beeinträchtigten" fallen, so egoistisch das auch klingen mag!

Gefragt sind hier wohl tatsächlich Kindergärten, Schulen und die extrem mangelhaft engagierten Jugendreferenten sämtlicher Ortschaften, die dafür Verantwortung tragen, dass Kinder nicht wissen wohin mit ihren Freunden und unentwegt herumgeschubst werden...
Ich kann als Mutter mein älter werdendes Kind nicht unentwegt beaufsichtigen, da sind ab einem bestimmten zeitpunkt einfach auch außerhäusliche "Ressourcen" gefragt!

Bye Gipsy


Schade, hierzu würde ich sehr gerne mal die Meinung anderer hören - aber darauf kann ich auf diesem Forum wohl bis in alle Ewigkeit vergeblich hoffen...warum nur?

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