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Gipsy ( gelöscht )
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15.06.2007 18:47
RE: Typologie des Intellektuellen, von Martin Mosebach antworten

TYPOLOGIE DES INTELLEKTUELLEN
von Martin Mosebach

Wer ist ein Intellektueller? Gibt es einen klassischen Intellektuellen-Typus?


Der engagierte Intellektuelle

Der engagierte Intellektuelle war ursprünglich der Intellektuelle überhaupt. Der Begriff wurde geboren, als Schriftsteller und Zeitungsleute entdeckten, dass sie politisches Gewicht besaßen. Bis dahin waren die Denker und die Täter voneinander geschieden. Bei den Tätern der politischen Sphäre hatte es bis dahin zwei Schulen gegeben: Die eine hielt die Denker für politisch ebenso ahnungslos wie die Kannengießer und achtete darauf, dass sie den öffentlichen Frieden nicht störten. Die andere fand die Denker sehr interessant, hörte ihnen beim Abendessen gern zu und sorgte im Übrigen gleichfalls dafür, dass sie den öffentlichen Frieden nicht störten. Dann formierte sich die opinion publique als politische Kraft, und zwar als die einzige, die fordern durfte, ohne Verantwortung zu übernehmen. Der Denker mit seinem Sinn weniger für das Wirkliche als das Mögliche entdeckte den Ausgang aus dem "Luftreich des Traums" auf den Boden der beeinflussbaren Tatsachen. Es müssen berauschende Augenblicke für die Intellektuellen der ersten und zweiten Generation gewesen sein, als sie erlebten, wie die Realität unter dem über sie da­hinsegelnden Zeitungspapierfetzen erbebte. Denker waren Täter geworden. Das Denkersein wurde zur Voraussetzung des Täterseins. Der Täter hatte sich als Denker auszuweisen. Der Denker musste zur Tat bereit sein. Eine der schönsten poetischen Erfindungen angesichts des irdischen Elends, die Vorstellung, in einem Turm aus Elfenbein zu leben, wurde zur verächtlichsten. Der Denker‚ dem die Wörter zu Gebote standen, ergab sich der Empfindung, zugleich mit ihnen die Fakten tanzen zu lassen. Sehr allmählich zeigte sich dann die Kehrseite des neuen Status. Wer als Intellektueller nicht auf der Seite der politischen Sieger gestanden hatte, musste schnell feststellen, dass aus der zugesicherten Verantwortungslosigkeit nichts wurde, wer eher zu den Siegern gehörte, weil er für die Sieger gesungen hatte, der fand sich unversehens zum benutzten Propagandisten erniedrigt. Oder schlimmer: Es gibt auch den engagierten Intellektuellen, der nach dem Sieg seiner Partei die Arbeit des Gedankenpolizisten übernehmen musste. Politik und Polizei – das ist eben das in Wahrheit unzertrennliche Paar.


Der strukturverliebte Intellektuelle

Intellektuelle Leidenschaft gehört den Strukturen von Machtverhältnissen, Kunstproduktion, gesellschaftlicher Organisation, ökonomischen Zusammenhängen. Wer wollte leugnen, dass es solche Strukturen gebe. Die Erscheinungen der Welt sind vertrackt gemischt aus dem immer Neuartigen und dem immer Gleichen. In jedem Körper, wie einzigartig er sich auch ansieht, steckt ein Knochengerüst, das diese Einzigartigkeit nicht mehr erahnen lässt. Ohne die Kenntnis des Skeletts lässt der Körper sich nicht verstehen. Aber über die Textur der Haut und den Ausdruck der Augen geben die Knochen keine Auskunft. Dem strukturverliebten Intellektuellen scheint das kein Verlust zu sein. Was sich mit Strukturen nicht erklären lässt, ist unerheblich. Sein Auge hat den Röntgenblick‚ es dringt durch die verführerischsten Oberflächen‚ nicht der Glanz, nicht die Farbe, nicht der Schimmer, Schönheit nicht und Hässlichkeit vermögen es zu irritieren‚ es sucht die buchstäblich beinharten Fakten. Ganze Zeitalter in ihrer verschwenderischen Daseinsfülle schnurren vor seinen Begriffen zusammen. Die Struktur ist die wahre Enthüllung – vor ihr wird die unausschöpfliche Vielgestaltigkeit der Welt, aller Sinnenschauder und alles Sinnenglück gebannt und ohnmächtig gemacht. Der strukturverliebte Intellektuelle trägt täglich Siege über die Welt davon. Er will nicht anschauen, sondern verstehen, und das Wort „Verstehen“ gebraucht er mit einem besonderen Nachdruck, ein lauerndes Glimmen tritt in seine Miene, denn das Verstehen, dieser so passiv erscheinende geistige Vorgang, ist bei ihm Aktion. "Alles verstehen heißt alles verzeihen" hat man gesagt, aber das ist keine intellektuelle Devise. Hier heißt es: "Verstehen ist Erledigen". Das Verstandene ist das Ausgesogene, das unschädlich Gemachte. Etwas Magisches liegt in diesem intellektuellen Verstehen. Und tatsächlich versuchen die alten Zauberbücher der Alchimisten mithilfe von Formeln der Dämonenkräfte Herr zu werden. Nur dass die Dämonen unsichtbar waren! Der Intellektuelle hingegen führt seinen Geisterkampf gegen das Sichtbare, das Anzuschauende und Anschauliche. Der alte Magier zwang die unsichtbaren Mächte, Gestalt anzunehmen. Der strukturverliebte Intellektuelle aber ist erst am Ziel, wenn er die sichtbare Welt unsichtbar gemacht hat.


Der terminologieberauschte Intellektuelle

Die großen Denker denken gewiss nicht häufig neue Gedanken, aber sie denken die alten Gedanken auf neue Weise. Sie erfüllen sie mit ihrer Individualität und mit der Farbe der Zeit und lassen sie wie eben geboren erscheinen. Dieser Verjüngungsprozess wird vor allem durch die Sprache bewirkt – um sich den alten Gedanken anzuverwandeln, erfinden schöpferische Geister neue Begriffe für sie. Die Gedankengebäude der Philosophen, der Soziologen, der Philologen und der Psychologen bestehen aus Begriffsbausteinen, die in dieser Form vorher noch nicht verwendet worden sind. Je nach Begabung und Temperament sind diese neu gefundenen oder neu gedrechselten Begriffe aus der Anschaulichkeit heraus entwickelt oder aus dem Geist einer noch kühneren abstrakten Zuspitzung; sie kommen in unschuldigem Deutsch daher, oder sie übertrumpfen noch die bisher schon übliche gräzisierende oder latinisierende Wissenschaftlichkeit. Gemeinsam ist diesen Begriffen einer wissenschaftlichen Pri­vatterminologie‚ dass sie ihren Platz und ihre Bedeutung vor allem in jenem System haben, dem sie trügerischen Glanz oder strahlende Evidenz verleihen sollen, und dass sie außerhalb dieses Systems nur mit Vorsicht zu verwenden sind.

Den terminologieverliebten Intellektuellen wird solche Vorsicht freilich nicht davon abschrecken, sich reichlich aus sämtlichen Terminologie-Vorratskammern zu bedienen. Ihn bezaubert das soeben erst eingeführte, das speziell entwickelte, das nach Kultur- und Geistesproduktion duftende Wort. Da kann man sich die Beschäftigung mit der Notwendigkeit, die dagegen Erfindung erforderte, leicht sparen. Das neue Wort trägt die neuen Gedanken in ihrer ganzen Fülle auf seinem Rücken wie die Schnecke ihr kompliziert geschraubtes Haus. In einem einzigen solchen Wort sind eine herrliche Menge von Implikationen enthalten, die der Hörer dem Sprecher oft genug zugutehält, auch wenn der gar nicht ahnt, was er da alles von sich gegeben hat. Oder vielmehr doch ahnt und damit rechnet, dass der dem neuen Philosophen entwendete Spezialbegriff die eigene Rede mit jener Wärme angefüllt hat, die den Luftballon in Himmelshöhen steigen lässt.


Der blinde Intellektuelle

Ein Lateinlehrer aus dem Gymnasium der Kaiserzeit wird mit dem Satz zitiert: "Um ein Beispiel aus dem täglichen Leben zu nehmen: Ein Feldherr erobert eine Stadt." Das war gewiss kein Intellektueller, aber seine nur noch als ferner Schatten erkennbare Gestalt soll uns zu der ehrwürdigsten Form des Intellektuellen führen, dem ganz in den Büchern aufgehenden, in die Bücher eingegangenen enzyklopädischen Kopf, oder besser Hirn, denn bei Kopf denkt man unversehens auch an Augen, und die hat der unablässig Lesende paradoxerweise eben gerade nicht. Er braucht sie nicht. Für ihn stellen die Wörter die Wirklichkeit in solcher Ballung dar, dass die Gegenstände, die durch die­se Wörter bezeichnet werden, blass dagegen erscheinen. Adam habe von Gott den Auftrag erhalten, die geschaffenen Dinge zu benennen; aber der blinde Intellektuelle ist der Überzeugung, dass Gott seine Schöpfung nach ihrer Benennung getrost wieder hätte einpacken können, denn das auf diese Weise entstandene Wörterbuch könne sie ohnehin an Bedeutung nie wieder einholen. Alles, was den blinden Intellektuellen an Gegenständlichkeit dennoch umgibt, Stuhl und Tisch, Jacke und Hose, ist deshalb nicht nur einfach achtlos erworben, sondern von einer spezifischen Hässlichkeit, die eigentlich Wesenslosigkeit genannt werden müsste, geminderte Dinghaftigkeit, die auch die Frucht eines niemals wirklich Angesehenwordenseins ist. Dafür erfasst das geistige Auge alles Gedruckte ohne Ermüdung, es liest wie ein nie geschlossenes Auge Gottes. Zu den Objekten seiner Interessen ist dem blinden Intellektuellen selbst das bekannt, was eigentlich erst noch geschrieben werden müsste. Keine Gewissheit hält vor ihm stand. Keine Erkenntnis kann zu Kristall schießen. Er weiß über seine Sachen so viel, dass er nichts mehr über sie weiß. Jedes Bild, zu dem die früheren ihre Erkenntnisse zusammengesetzt haben, erfährt er als vorläufig; es zerfällt unter seiner Lektüre. Leise wie eine Brausetablette lösen sich in seinem Innern alle Gewissheiten auf, während ihm das Wissen selbst immer bedeutsamer vorkommt. Seine Forschungen gleichen einer stählernen Bohrmaschine, die gnadenlos einen Tunnel vorantreibt, der unmittelbar hinter ihr wieder einstürzt. Ein definitiver Zustand wie der Tod ist in seinem Leben eigentlich nicht vorgesehen. Die Bewegung dieses Geistes ist in ihrer Ergebnislosigkeit ins Ewige gerichtet.


Der Herdenintellektuelle


Der Intellektuelle gehört einer anthropologischen Kategorie an, aber die Intellektuellen bilden eine soziale Kategorie. Alles, was notwendig zu den Eigenschaften des Intellektuellen im Singular gehört, darf bei den Intellektuellen als Gruppe wegfallen. Zum Singularintellektuellen gehört eine gewisse Haltung zur Vernunft, ein grundsätzliches Vertrauen in die Abstraktion, ein Glauben an die Möglichkeiten wissenschaftlicher Welterkenntnis. Es gehört dazu die grundsätzliche Überzeugung, dass es auf Maßstäbe des Geistes ankomme, die Hoffnung, dass Gedanken etwas Wirkliches seien und in der Wirklichkeit Folgen hinterließen. Es gehört auch Neugier dazu; diese Eigenschaft deutet schon darauf hin, dass auch der einsamste Intellektuelle eine soziale Neigung hat: Er sieht die Bewegungen des Geistes auf verschiedene Köpfe verteilt, er liebt die Diskussion, er betrachtet geistige Einfälle auf ihre Fähigkeit hin, Konflikte zu erzeugen. Er erlebt jede These als Gegenthese und blickt, während er sie noch aufnimmt, schon auf die andere Seite des intellektuellen Tenniscourts hinüber. Für die Pluralintellektuellen gilt dies alles so wenig, dass man geradezu das Gegenteil von alldem über sie behaupten könnte. Sie sind vor allem Gruppe, das heißt Herde, und gehorchen dem Gesetz der Herde. Nirgendwo gibt es so viel Gleichförmigkeit wie unter den Pluralintellektuellen. Die Pluralintellektuellen sagen nicht "ich", sondern immer "wir". Sie können sich nicht vorstellen, dass es Intellektuelle gibt, die nicht ihrer Meinung seien. Wen der Intellektuelle aus der intellektuellen Herde als seinesgleichen gesichtet hat – an Merkmalen, die mit geistigen Kategorien nur am Rande zu tun haben: Kleidungsstil, Reiseziele, Zeitungsabonnement, politische Partei –‚ den bezieht er bedenkenlos in dieses „Wir“ ein. Neugier auf eine ungewohnte Position, sportliche Debattenfreude, rücksichtsloser Erkenntnistrieb verstören die intellektuelle Herde genauso, wie die Versuche eines Schweins, in der Schafherde mitzulaufen, aufgenommen würden. Der Herdenintellektuelle steht immer auf der richtigen Seite, und er merkt es nicht einmal, wenn die Leithammel, was hin und wieder geschieht, ausgetauscht werden. Die hat er ohnehin nie richtig wahrgenommen, während sein Blick auf das Hinterteil des vor ihm laufenden Schafes gerichtet war.


Der ironische Intellektuelle

Lächeln wirkt jung, und so profitiert der intellektuelle Ironiker von seiner Gewohnheit, jeder Nachricht mit überlegenem Lächeln zu begegnen. Dies ist nicht das Lächeln der Nachsicht und der Güte, das hinter der Kraftgebärde die menschliche Schwachheit und die Neigung zur Selbsttäuschung sieht, und es ist auch nicht das befreiende Lachen über die Absurdität und beständig aufblitzende Komik der Welt. In den letzten Bänken der Abiturklassen pflegen sich die intellektuellen Ironiker zuerst zu regen; hier zeichnet sich jenes etwas schiefe, etwas höhnische Lächeln zuerst in die Gesichter. Es ist ein standhaftes, ein intransigentes Lächeln. Man redet in es hinein wie in einen Sack voll Watte. Wenn das Gegenüber anfängt, sich zu erregen und gar wütend zu werden, zementiert sich dieses Lächeln, die weich-fahle Reaktionslosigkeit wird erst recht unbesiegbar, leichte Anzeichen von Triumph werden sichtbar.

Es sind denn auch ernste Überzeugungen, die hinter dem Lächeln der ironischen Intellektualität stehen. Sein Besitzer fühlt sich einsam in der Fähigkeit, die Motive eines jeden Sprechers, der ihm begegnet, zu durchschauen. Je leidenschaftlicher und ernster für eine Sache plädiert wird, desto sicherer fühlt sich der Ironiker in seinem Lächeln. Leidenschaft und Ernst sind immer, das weiß er, unfreiwillige Beweise für eine versteckte Peinlichkeit, und peinlich ist grundsätzlich, sich für irgendetwas auf Erden vorbehaltlos einzusetzen. Der durchdringende Verstand des intellektuellen Ironikers hat aber längst erkannt, welche psychologischen Mechanismen hinter Überzeugungen stehen. Wenn er Argumente hört, sieht sein Scharfblick dahinter das Zucken der seelischen Verbildungen, oder er erkennt die finanziellen Interessen oder die Winkelzüge des Machtkampfs oder die Determination durch eine Seilschaft. Der intellektuelle Ironiker weiß, dass jedes Wort, das einer sagt, in Anführungszeichen zu setzen ist. In das Wort "Subtext" ist er verliebt bis zur Schwärmerei. Wer dieses überlegene Dauerlächeln mit einer Bemerkung erschüttern wollte, er müsste verzweifeln. Ja, es ist traurig: Gegen solch feine Hochgestimmtheit hilft nur physische Gewalt. Wer den Begriff "Ohrfeigengesicht" geprägt hat, mag gerade an das Lächeln des intellektuellen Ironikers gedacht haben.

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Quelle: www.cicero-magazin.de
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Wie faszinierend es doch immer wieder ist, liest man etwas geschriebenes, von dem man feststellt, dass der Schreiber sich tatsächlich die ausgefeiltesten Gedanken gemacht haben muss...faszinierend und beruhigend!

Beruhigend, weil es (mir) einfach gut tut, das Ergebnis dessen zu lesen, was zunächst "nicht mehr" war, als eine Idee, ein Gedanke - und dann schließlich mehr wurde - bis hin zum roten Faden, der sich am Ende zu einem logischen Ganzen aufgerollt hat...

Intelligenz zu lesen/sehen/fühlen kann eben eine echte Wohltat sein!

Gipsy

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