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 ~°~ SOZIALES in Kindheit und Jugend ~°~
Gipsy ( gelöscht )
Beiträge:

17.04.2007 17:17
RE: Realitätsferne Ideologie... antworten

Realitätsferne Ideologie

Gesellschaftlicher Fortschritt, Kirchen und Familienpolitik


"Gesellschaftspolitisch völlig verfehlt und in hohem Maße ideologiegeleitet" hatte der Augsburger Bischof Walter Mixa die Pläne der Bundesfamilienministerin genannt, die Zahl der Krippenplätze zu verdreifachen.
Genau dies, nämlich eine konservative realitätsferne Ideologie, aber muss man dem Kirchenmann nach seinen rabiaten und frauenfeindlichen Interventionen vorwerfen.

Eine junge berufstätige Frau, die im Mai ihr zweites Kind erwartet und glücklich ist über den Krippenplatz für ihre zweijährige Tochter, hat kürzlich in einem Interview den Finger in die Wunde gelegt:
"Eigentlich geht es weniger um das Wohl des Kindes als um die Frage: Welche Rolle wollen wir für die Frau?"
Welche Rolle also will der Kirchenmann den Frauen im 21. Jahrhundert zuweisen?
Seine unsägliche Wortwahl von der "Gebärmaschine Frau" (!!)* zeigt eine Missachtung von Frauen insgesamt, wie sie im Männerclub katholische Kirche nicht unüblich ist. Rom ist konservativ und mischt sich, nicht nur in Deutschland, in die staatliche Familienpolitik ein.
Papst Benedikt XVI. warnt vor der "Diktatur des Relativismus" in Zusammenhang mit der angeblichen Auflösung der traditionellen Familien.

Wollen Kirchenmänner wie Mixa also einen neuen Kulturkampf lostreten?
Immerhin hat er eines schon erreicht: Hausfrauen und berufstätige Mütter streiten wieder erbittert wie in den 50er Jahren: Rabenmütter gegen Rund-um-die-Uhr-Mütter. Den Ton hatte schon Eva Herman mit ihrem läppischen Buch "Das Eva-Prinzip" vorgegeben, das erstaunlicherweise monatelang auf den Bestsellerlisten stand.
Mixa schürt dieses Feuer, wenn er sagt, die Krippenpläne von Ursula von der Leyen seien inhuman (!!)* - und inhuman heißt übersetzt unmenschlich - , sie verstießen gegen die Würde der Frauen.
Anscheinend will er die ewig Gestrigen stärken, die immer noch meinen, der Platz der Frau sei in der Küche, im Kinderzimmer und in der Kirche.

Man muss allerdings zur Ehrenrettung der katholischen Kirche in Deutschland sagen, dass der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, die Ansichten des Augsburger Militärbischofs so wenig teilt wie die überwältigende Mehrheit der Bischöfe.
Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Hans Joachim Meyer, stellte sich sogar ausdrücklich hinter einen Ausbau der Krippenplätze und versicherte, er sei nicht sonderlich angetan von diesen kulturkämpferischen Tönen. Es ist ein ungutes Gebräu, das Frauen das Leben schwer macht: Sie sollen ganz allein schuld sein an der täglich neu beschworenen demografischen Katastrophe, dabei sind es häufig die Männer, die vor der Väterrolle davonlaufen.

Vielen Männern macht die wissenschaftlich belegte Tatsache Angst, dass die heute jungen Mädchen und Frauen zielstrebiger, besser, karrierebewusster sind als ihre männlichen Zeitgenossen. Dadurch geraten Jahrhunderte alte Rollenbilder ins Wanken - Rollenbilder, die übrigens nicht zuletzt durch die Kirchen zementiert wurden. Was also liegt näher, als den Müttern wieder Schuldgefühle einzujagen, damit sie auf ein eigenständiges Leben verzichten?

Und das ist leicht: Jede berufstätige Mutter, ob an der Kasse im Supermarkt oder in der Vorstandsetage, hat Schuldgefühle.
Eines aber ist so sicher wie das Amen in der Kirche: Wenn Frauen wieder öffentlich an den Pranger gestellt werden, weil sie beides wollen, Kinder und Beruf, dann werden noch mehr von ihnen als heute schon sich gegen Nachwuchs entscheiden.

Muss man es wirklich gebetsmühlenhaft wiederholen?
Eine gute öffentliche Betreuung schadet auch kleinen Kindern nicht. Kinder brauchen Kinder, sie brauchen die Anregungen in der Gruppe, sie brauchen Zuwendung (besser noch: Liebe?)*, ein Frühstück und kreatives Spiel.
Das haben gerade jene, die aus desolaten Familienverhältnissen kommen, nämlich zu Hause nicht.
Auch die Kirche weiß das, denn in den rund 10.000 katholischen Kitas gibt es 700.000 Betreuungsplätze.

Und noch etwas zur deutschen Realität:
Für viele Mütter ist die einzige Alternative zur Berufstätigkeit die Sozialhilfe. Sie haben keine Oma um die Ecke, sie haben keinen Mann, der die Brötchen allein verdienen kann. Der ist nämlich in viel zu vielen Familien entweder nicht vorhanden oder arbeitslos oder verdient zu wenig.

Von Renate Faerber-Husemann

Quelle: www.dradio.de
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* = Anmerkungen meinerseits!

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