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Dieses Thema hat 0 Antworten
und wurde 748 mal aufgerufen
 ~* LYRIK ~~~ LITERATUR ~~~ APHORISMEN *~
Gipsy ( gelöscht )
Beiträge:

14.03.2007 11:11
RE: ~~ Liebesbriefe aus der Literatur ~~ antworten

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Sie schreibt

Ach, warum von Land und Leuten
Schreibst du mir aus deiner Ferne,
Wie Gebirg und See dich freuten
Und wie golden dort die Sterne!
Liebesbriefe will ich lesen,
Immer nur das selig Eine,
Daß du mein gedenk gewesen,
Daß du mein und daß ich deine.

Ach, und tauchst an hellen Tagen
Du aus deinen Kümmernissen,
Sollst du mir es nimmer sagen,
Denn ich will dich heiter wissen.

Aber nicht dem Fremden neuen
Dank es, nicht der fernen Sonne,
Daß sie dein Gemüt zerstreuen
Und dir spenden frische Wonne.

Laß mich glauben, daß der Grüße
Zauber, die ich zu dir sende,
So das Leben dir versüße,
Wie dereinst ein Druck der Hände.

Daß mir, auch von dir geschieden,
Jene stille Macht verbliebe
Und du alle deinen Frieden
Nur gewinnst durch meine Liebe!

Paul Heyse (1830-1914)








Liebesbrief

So kann es nun nicht weitergehn!
Das, was besteht, muß bleiben.
Wenn wir uns wieder wiedersehn,
Muß irgendetwas geschehn.
Was wir dann auf die Spitze treiben.
Was - was auf einer Spitze tut?
Gewiß nicht Plattitüden.
Denn was auf einer Spitze ruht,
Wird nicht so leicht ermüden.
Auf einer Bank im Grunewald
Zu zweit im Regen sitzen,
Ist blöd. Mut, Mädchen! Schreibe bald!
Dein Fritz! (Remember Spitzen).

Joachim Ringelnatz (1883-1934)








Unter der linken Brust
band ich dein Brieflein fest,
da mag es wohnen nun
bis morgen früh.

Unter der linken Brust
ist mir so wohl, so weh
und beide Hände noch
preß ich darauf.

Unter der linken Brust
drückt sich ein Engel ab,
drückt sich dein Engel rot
in weißen Schnee.

Und unterm weißen Schnee
liegt mein rotrotes Herz,
küßt durch den weißen Schnee
dein Siegel rot.

Unter der linken Brust
band ich dein Brieflein fest
mit meinem blonden Haar
wie als wärst du's!

Christian Morgenstern (1871-1914)







Weil du nicht da bist

Weil du nicht da bist, sitze ich und schreibe
All meine Einsamkeit auf dies Papier.
Ein Fliederzweig schlägt an die Fensterscheibe.
Die Maiennacht ruft laut. Doch nicht nach mir.

Weil du nicht bist, ist der Bäume Blühen,
Der Rosen Duft vergebliches Bemühen,
Der Nachtigallen Liebesmelodie
Nur in Musik gesetzte Ironie.

Weil du nicht da bist, flücht ich mich ins Dunkel.
Aus fremden Augen starrt die Stadt mich an
Mit grellem Licht und lärmendem Gefunkel,
Dem ich nicht folgen, nicht entgehen kann.

Hier unterm Dach sitz ich beim Lampenschirm;
Den Herbst im Herzen, Winter im Gemüt.
November singt in mir sein graues Lied.
»Weil du nicht da bist« flüstert es im Zimmer.

»Weil du nicht da bist« rufen Wand und Schränke,
Verstaubte Noten über dem Klavier.
Und wenn ich endlich nicht mehr an dich denke,
Die Dinge um mich reden nur von dir.

Weil du nicht da bist, blättre ich in Briefen
Und weck vergilbte Träume, die schon schliefen.
Mein Lachen, Liebster, ist dir nachgereist.
Weil du nicht da bist, ist mein Herz verwaist.


Mascha Kaleko (1907-1975)








Du siehst, es bleibt mit mir beim alten
(Statt eines Briefes. 1846?)

Du siehst, es bleibt mit mir beim alten,
Trotz mancher bittern Neckerei;
Versprechen - und Versprochnes halten -
Ist mir noch immer zweierlei.

Und daß dir alle Zweifel schwinden
An meinem Unverändertsein,
Stell' ich mich mit Entschuld'gungsgründen
Ob meines Schweigens bei dir ein.

Ich habe sechsmal Platz genommen,
Sechsmal die Feder zugestutzt,
Doch was mir in den Sinn gekommen,
War immer dumm und abgenutzt.

Von deutsch-katholischen Vereinen,
Draus mancher Stoff in Masse fischt,
Sag selber - wär' es nicht zum Weinen,
Hätt' ich dir davon aufgetischt!

Schon höhnt' ich mich und all solch Wissen,
Als mir ein Kraftgedanke kam
Und ich die »Sehnsucht, dich zu küssen«,
Zum Stoffe meines Briefes nahm.

Kaum aber hatt' ich angefangen,
Packt' ich schon lächelnd wieder ein; -
Ein Kuß - dies mündlichste Verlangen -
Muß mündlich vorgetragen sein!

Theodor Fontane (1819-1898)








Wintergarten

Deinen Briefumschlag
mit den zwei gelben und roten Marken
habe ich eingepflanzt
in den Blumentopf
Ich will ihn
täglich begießen
dann wachsen mir
deine Briefe
Schöne
und traurige Briefe
und Briefe
die nach dir riechen
Ich hätte das
früher tun sollen
nicht erst
so spät im Jahr

Erich Fried (1921-1988)








LIEBESBRIEF

Vor deiner Kammer singt und singt
- so schreibst du, Kind - die Nachtigall,
und, daß der Sehnsucht bangen Schall,
dein Herz so wehvoll widerklingt!

Gedenkst du noch des Glückes all,
das uns tiefheimlich einst umringt? ...
Vor deiner Kammer singt und singt
- so schreibst du, Kind - die Nachtigall.

Wenn heut ihr wiederum gelingt
ihr nächtlich süßer Überfall -:
Oh denk', ich sei's, der leichtbeschwingt
von seiner Sehnsucht Überschwall
vor deiner Kammer singt und singt!


Christian Morgenstern (1871-1914)








IM VOLKSTON

Einen Brief soll ich schreiben
Meinem Schatz in der Fern;
Sie hat mich gebeten,
Sie hätt's gar zu gern.

Da lauf ich zum Krämer,
Kauf Tint' und Papier
Und schneid mir ein' Feder,
Und sitz nun dahier.

Als wir noch mitsammen
Uns lustig gemacht,
Da haben wir nimmer
Ans Schreiben gedacht.

Was hilft mir nun Feder
Und Tint' und Papier!
Du weißt, die Gedanken
Sind allzeit bei dir.

Theodor Storm (1817-1888)








SIE KANN NICHT ENDEN

Wenn ich nun gleich das weiße Blatt dir schickte,
Anstatt daß ichs mit Lettern erst beschreibe,
Ausfülltest du's vielleicht zum Zeitvertreibe
Und sendetests an mich, die Hochbeglückte.

Wenn ich den blauen Umschlag dann erblickte,
Neugierig schnell, wie es geziemt dem Weibe
Riss' ich ihn auf, daß nichts verborgen bleibe;
Da läs ich, was mich mündlich sonst entzückte:

Lieb Kind! Mein artig Herz! Mein einzig Wesen!
Wie du so freundlich meine Sehnsucht stilltest
Mit süßem Wort und mich so ganz verwöhntest.

Sogar dein Lispeln glaubt ich auch zu lesen,
Womit du liebend meine Seele fülltest
Und mich auf ewig vor mir selbst verschöntest.

Johann Wolfgang von Goethe
(1749-1832)







LIEBESREIME

Liebchen, mühsam und beschwerlich
läßt sich
Stählern kritzeln auf papiernen Blättern!
Wärst du bei mir, ach wie gerne preßt' ich
Auf dein Lippenpaar lebend'ge Lettern.
Schriebe drauf mein töricht Liebeshoffen:
Rosenblätterbrief von Tau benetzt!
Und die Antwort wär' schon eingetroffen,
Eh' ich noch das Siegel aufgesetzt.

Ricarda Huch (1864-1947)







Briefwechsel

Im Garten, heute Morgen,
Als ich deinen Brief erbrach,
Fand ich drin verborgen
Ein Rosenblatt.
Ein Rosenblatt, deinen Locken entsunken.
Als ich es trunken
Mit den Lippen berührte,
Kam ein Windhauch und entführte
Den holden Gast.
Nun segelt es lustig zu dir zurück.
Gleich einer Krone trägt es mein Glück
Auf tiefrotem Samt - und verblaßt.

Detlev von Liliencron (1844-1909)


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