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 ~* LYRIK ~~~ LITERATUR ~~~ APHORISMEN *~
Gipsy ( gelöscht )
Beiträge:

04.03.2007 19:40
RE: °Swetlana Geier° ~ Übersetzerin ~ Antworten

Swetlana Geier in jüngeren Jahren

Einer der Gründe, gerade jetzt über diese Frau zu schreiben ist der, dass sie auf der diesjährigen "Leipziger Buchmesse" nominiert ist, in der Kategorie "Übersetzungen" und ich mich sehr darüber freue, da ich sie für eine herausragende solche halte!

Swetlana Geier heute

Zudem hatte ich das Glück, sie vor wenigen Tagen persönlich kennenzulernen, war ich doch gerade auf einer (Vor)lesung, die sie in der hiesigen Mediathek hielt.
Ich "verehre" diese Frau, weil sie es als einzige (mir bekannte) Übersetzerin der russischen Literatur geschafft hat, u.a. Fjodor M. Dostojewskij so originalgetreu ins Deutsche zu übersetzen, wie das nur irgend möglich zu sein scheint.

Ein Beispiel nur:
Die gängige Übersetzung des Weltliteraturromans mit dem Titel "Schuld und Sühne" von Dostojewskij hat sie mit dem Titel "Verbrechen und Strafe" komplett neu übersetzt und sich damit große Bewunderung und den Respekt all derer zugezogen, die etwas davon verstehen - nicht zuletzt von begeisterten Dostojewskij Lesern, die sicher - ebenso wie ich - fasziniert und hingerissen waren, von der ganz neuen und so viel authentischeren Sprache!

Das Verbrechen, also die Schuld des Protagonisten wird in dem Roman zu keiner Zeit gesühnt...warum also "Schuld und Sühne"?
Laut S.Geier hatte das u.a. religiöse Gründe, die man zu damaligen Zeiten nicht einfach übergehen konnte - auch bei Literaturübersetzungen hatte die Kirche bekanntermaßen ihre Finger im Spiel, um nicht zu sagen: Gerade hier!

Die korrekte und wörtliche, von Dostojewskij auch so gedachte Wortwahl, ist somit jedenfalls "Verbrechen und Strafe", denn um genau diese Dinge geht es schließlich auch in dem Roman!

Wie auch immer, all die anderen Übersetzungsarbeiten, die ich von Frau Geier kenne und gelesen habe, verdienen die Nominierung ebenfalls zigfach...ich wünsche ihr sehr, dass sie den Preis erhält!
Sie ist gerade 80 Jahre alt geworden und das wäre eine schöne Anerkennung ihrer immensen Übersetzungsarbeit!

"Die Brüder Karamasow" hat sie übrigens vorgezogen, wie sie uns erzählte, weil sie nicht wußte, ob sie das umfangreichste der fünf großen Werke Dostojewskijs sonst noch fertig würde stellen können...gottlob hat sie sogar noch der "Der grüne Junge" (ursprügl. Titel: "Der Jüngling") hinterher geschickt, um das mal so salopp auszudrücken. Ich kann nur hoffen, das auch das nicht das Letzte gewesen ist...
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Im folgenden nun ein Interview, das die WELT ONLINE vor einigen Jahren mit S.Geier führte und das ich - auch auf einem Board wie diesem - niemandem vorenthalten, bzw., es zu lesen jedem gönnen möchte...

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"Übersetzen ist etwas, was es nicht gibt"


Die Übersetzerin Swetlana Geier über Dostojewskij, die "Brüder Karamasow", Schiller und ihre Berufung


Swetlana Geier
:
Es wird immer wieder ein Weg durchgespielt: Der Weg des Menschen zu einer Befreiung oder zu einer Freiheit. Ganz eindeutig ist jedoch, dass Dostojewskij unter Freiheit nicht ein Erreichtes, sozusagen eine Art Bankkonto oder ein Billet versteht. Die Freiheit ist für Dostojewskij etwas Punktuelles, genauso wie der Glaube.

DIE WELT:
Der Großinquisitor will den Menschen die Freiheit vorenthalten. War Dostojewskij anfällig für den Gedanken, dass die Freiheit ein Verhängnis ist, dass man sie ihnen nehmen solle?

Geier:
Ich glaube, dass Dostojewskij eigentlich nie mit einer seiner Figuren oder mit einer ihrer Meinungen identifiziert werden kann. Und ich glaube, dass der Großinquisitor für sich auch gar nicht gelesen werden sollte. Die andere Stimme sind die Aufzeichnungen des Starez Sossima.

DIE WELT:
In der Lebensgeschichte des Starez Sossima in "Die Brüder Karamasow" gibt es auf jeder Seite eine neue Wendung. Er schlägt, bereut und weint, küsst, dieser Mann ist hochfahrend und im nächsten Augenblick kniet er vor seinem verunglimpften Gegenüber. Ist das russisch?

Geier:
Vielleicht. Ich will, als Russin, mich nur auf die Literatur beschränken - vielleicht liegt dem Russen die Mittellage wirklich nicht so. Die Amplitude, die die Seele auszuschlagen bereit ist, ist wahrscheinlich größer.

DIE WELT:
Ich habe den Eindruck, Dostojewskij war ein Porträt-Künstler. Wie kommt es, dass er einem die Person sofort interessant macht?

Geier:
Ich habe, seit ich ihn übersetze, den Eindruck, dass seine Porträts außerordentlich naiv sind. Es ist meist eine Summe von äußeren Eigenschaften. Dann fängt die Person an zu sprechen oder sich zu gebärden, und das Porträt entsteht. Es entsteht eigentlich nicht durch die Schilderung des Äußeren. Ich glaube, auch da ist er, unbewusst, ein Schüler Puschkins. Denn wenn man Dostojewskij schildern will, genügt es zu sagen: Es ist der beste Leser Puschkins, den es auf der Erde gegeben hat. Er erinnert alle verschiedenen Menschen sozusagen an ihr höheres Selbst oder an das, was in jedem Menschen lebt und im Laufe der Zeit immer wieder denaturiert und verformt wird.

DIE WELT:
Als Ihr erster Dostojewskij erschien, "Verbrechen und Strafe", war die stärkste Wirkung die, dass man plötzlich zu sehen meinte - Dostojewskij ist ja auch ein großer Künstler, ein Sprachkünstler. Gleichzeitig scheint er ständig den Eindruck zu unterlaufen, er habe eine Botschaft.

Geier:
Dostojewskij geht in vielfacher Weise auf Distanz zum eigenen Text. Kein einziger Roman will von Dostojewskij geschrieben sein. Man stelle sich das vor! Und er hält das durch. Manchmal meldet sich zwischen den Zeilen der fiktive Autor, zum Beispiel in den "Bösen Geistern", und in den "Brüdern Karamassow" tritt der Chronist erst im letzten Buch auf, bei den großen Auftritten des Staatsanwalts und des Advokaten. Da beginnt, da meldet sich der Chronist zu Wort und macht uns klar, dass das Ganze gar nicht von Dostojewskij ist.

DIE WELT:
Was verband Dostojewskij mit Schiller?

Geier:
Die Freiheit! Über Dostojewskij und Schiller ist sehr viel geschrieben worden, aber ich meine, das Allerwichtigste ist nicht genannt worden, und zwar die Briefe "Über die ästhetische Erziehung des Menschen", die für Dostojewskij ein beispielhaftes Verfahren der Verständigung mit sich selbst darstellen. Aber dort, wo bei Schiller der Stofftrieb und der Formtrieb im Spieltrieb synthetisiert werden, tritt bei dem jungen Dostojewskij das absurde Verhalten ein. Und das allerabsurdeste Verhalten ist das Verhalten, das auf Kosten des eigenen Ich geht. Also man handelt wider den gesunden Menschenverstand, und der gesunde Menschenverstand ist zunächst Selbsterhaltung. Man handelt gegen den Trieb der Selbsterhaltung. Der dreizehnjährige Dostojewskij hat "Die Räuber" gesehen und sich sein ganzes Leben davon nicht befreien können, bis in die "Brüder Karamasow".

DIE WELT:
Gibt es für Sie in Ihrem Leben so etwas wie eine "Geburtsstunde der Übersetzerin"?

Geier:
Ich hatte zwei Kinder, meine Mutter wohnte bei uns. Ich studierte immer noch, und meine Mutter hat gesagt, sie verlangt nachts und morgens und vormittags und abends nichts, aber nachmittags brauche sie zwei Stunden Ruhe. Meine Kinder mussten mittags schlafen, und dann bin ich anschließend mit ihnen in den Wald gegangen. Wir wohnten in Güntherstal am Wald, da wurde geholzt und da gab es so wunderbare Baumstämme. Da saßen wir direkt hinter dem Haus, sie spielten da. Und dann habe ich einmal einen Text aus dem russischen Manierismus mitgenommen. Die Kinder spielten - und ich habe das übersetzt. Als es fertig war, habe ich das Bedürfnis gehabt, es muss abgeschrieben werden. Wir hatten keine Schreibmaschine, und dann habe ich den Publizisten Hans Daiber, den ich noch vom Studium sehr gut kannte, gefragt, ob er mir seine Schreibmaschine leihen kann. Der hat gesagt: "Ich schreibe es Ihnen ab, wenn ich eine Kopie behalten darf." Eines Tages bekam ich von Herrn Daiber eine Postkarte, die habe ich aufgehoben - wir hatten kein Telefon: "Ich muss Sie dringend sprechen." "Donnerstag, auf Bahnsteig 1 unter der Uhr." Ich bin natürlich hingegangen, und dann hat er gesagt: "Ihr Manuskript ist in München." Er kannte Ernesto Grassi, von dem gerade die Reihe "Rowohlts Klassiker" gegründet wurde. Ich sollte noch etwas übersetzen. Dann bin ich nach Hause gegangen und habe übersetzt.

DIE WELT:
Bringen Sie Dostojewskij nach Deutschland, um ihn hier einzubürgern, oder tragen Sie die Deutschen nach St. Petersburg?

Geier:
Was ich jetzt sage, darf mein Verleger gar nicht hören! Er denkt gar nicht an die Deutschen. Ich finde es so schwer, und es ist im Grunde genommen eine vollkommen entmutigende Sache. Das war es, was mich am Anfang interessierte. Ich habe nie im Leben daran gedacht zu übersetzen, aber mich haben die Verluste interessiert. Mich hat das interessiert, was immer jenseits des Neuen, des Übersetzten bleiben muss. Übersetzen ist etwas, was es nicht gibt.

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