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 ~* LYRIK ~~~ LITERATUR ~~~ APHORISMEN *~
Gipsy ( gelöscht )
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25.02.2007 13:19
RE: Josef Haslinger über sein Tsunami-Erlebnis antworten

Josef Haslinger im Gespräch mit Sigrid Löffler über seine traumatischen, bis heute nicht verarbeiteten Erfahrungen mit dem Tsunami im Jahre 2004
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"Wir waren wie Pilger in der Welt des eigenen Traumas"

Was war schlimmer – vom Tsunami auf einer Ferieninsel erfasst zu werden oder danach tagelang an einem Schreckensort voller Müll, voll Toter und Schwerverletzter gefangen zu sein?
Ein Literaturen-Gespräch mit dem Schriftsteller Josef Haslinger, der sich aus der Flutwelle des Jahres 2004 in Thailand retten konnte

Literaturen:
Sie haben zwei Jahre gebraucht, ehe Sie Ihr Tsunami-Erlebnis aufschreiben und publizieren konnten. Warum so lange?

Josef Haslinger:
Einerseits war ich unfähig, über etwas anderes zu schreiben. Aber immer, wenn ich über das Tsunami-Erlebnis schreiben wollte, war da eine Scheu. Das Problem war: Wie lässt sich das literarisieren? Wie kann ich das in eine Figuren-Konstellation bringen, die nicht zu auffällig autobiografisch ist? Ich wollte das Erlebnis von mir wegdrücken.

Literaturen:
Ein Jahr nach der Katastrophe sind Sie nach Phi Phi Island zurückgekehrt. Hat Ihnen das geholfen, diese Schreib-Scheu zu überwinden?

Haslinger:

Ich hatte das dringende Bedürfnis herauszukriegen, wie die Katastrophe eigentlich vor sich gegangen ist, wie es jetzt dort aussieht und wie die Thailänder damit umgehen. Die Erinnerung und das Bedürfnis, sie aufzuschreiben, sind gleichsam von selbst angesprungen. Viele Details sind mir plötzlich wieder eingefallen. Meine Frau und ich, wir waren wie Pilger in der Welt des eigenen Traumas.

Literaturen:
Hat sich durch das Wiedersehen Ihre Sicht auf das Ereignis verändert?

Haslinger:
Ich hatte manches in falscher Erinnerung. Die Stiege zum Verwaltungsgebäude, auf die wir zugelaufen sind und die für alle, die da raufkamen, die Rettung bedeutete, hatte ich als breiten Aufgang wie zu einem Palais in Erinnerung. Aber in Wahrheit ist die Stiege ganz schmal, und auch die Terrasse wäre viel zu schmal gewesen für alle, die hinaufwollten. Das Stromkabel, an dem ich mich festgehalten habe und das mir unter Wasser zur Rettung geworden ist, weil ich plötzlich wieder zu einer Orientierung kam – dieses Kabel hängt noch an der Fassade. Und führt, so nehme ich an, auch wieder Strom. Auch der Mauervorsprung ist noch da, auf den Edith und ich hinaufkriechen konnten. Aber jetzt sahen wir, dass er eigentlich funktionslos ist. Die einzige Funktion, die er vielleicht je hatte, war die, uns zu retten. Von oben haben Leute zusammengeknotete Betttücher heruntergelassen und uns dann hinaufgezogen.

Literaturen:
An Ihrem Bericht über «Phi Phi Island» fällt auf, dass er ganz aus dem Bewusstsein des Todes geschrieben ist. Sie filmen bei der Überfahrt zur Insel einen schlafenden Passagier an Deck und treffen zwei Tage später auf seine Leiche im Hotelkorridor. Bei der Erwähnung der jungen Rezeptionistin, die Sie beim Einchecken begrüßt, fügen Sie gleich hinzu, dass sie zwei Tage später zu den vierzig toten Hotelangestellten zählen wird. Ist das nicht ein sehr barockes Motiv, in den Lebenden bereits die künftigen Toten und hinter den Gesichtern immer auch den Totenschädel zu sehen?

Haslinger:

Der Hinweis ist sicher nicht falsch. Das Barock ist ein Teil der Kultur, in der ich in Niederösterreich aufgewachsen bin. Ich bin ja barock erzogen worden, von Mönchen im Stift Zwettl. Der Mittelpunkt, um den sich alles drehte, war ein Toter. Er hing in jedem Raum am Kreuz. Wir Sängerknaben waren dazu da, den liturgischen Dienst für diesen Toten zu gestalten. Und am Aschermittwoch zeichnete uns der Abt mit Asche ein Kreuz auf die Stirn und sagte: Bedenk, o Mensch, du bist von Staub und wirst zu Staube werden.

Literaturen:
Hat Ihnen Ihre Rettung das Gefühl gegeben, von den Toten zurückgekehrt zu sein? So, als wäre Ihnen ein zweites Leben geschenkt worden?

Haslinger:

Von den Toten zurückgekehrt – das wäre falsch. Aber es ist trotzdem ein zweites Leben. Es fühlt sich anders an. Ich kann den Tod nicht mehr ausklammern, ich empfinde die Zeitlichkeit viel deutlicher als vorher. Die Vorstellung, man könnte auf Erden etwas Dauerhaftes schaffen und sich über den Tod hinwegschwindeln – die funktioniert nicht mehr.

Literaturen:
Vanitas vanitatum, alles ist eitel?

Haslinger:
Meinem Temperament nach mische ich mich gerne ein und empöre mich auch öffentlich, wenn mir etwas nicht passt. In der Zeit nach dem Tsunami jedoch bin ich in eine seltsame Melancholie verfallen. Es war eine Art Memento-mori-Spirale, in der ich mich verfangen hatte: Ich konnte mich nicht mehr aufregen. Auch zu den politischen Vorgängen hatte ich eine innere Distanz. Heute weiß ich, das war die falsche Reaktion, ich hole mich da selbst wieder heraus. Die Erkenntnis, dass das Leben eine sehr begrenzte Dauer hat, sollte einen erst recht veranlassen, das Seine zu tun.

Literaturen:
Als Sie von der Wasserwalze mitgerissen wurden und dachten, das sei jetzt das Ende, war Ihr stärkstes Gefühl, so schreiben Sie, nicht Verzweiflung, sondern eine Art Bedauern darüber, so völlig würdelos zugrunde gehen zu müssen. HaslingerDas war für mich das Schockierendste: im Dreck zu verrecken und selbst ein Teil des Drecks zu werden, der mich umgab. LiteraturenEin Schock, der Ihr Weltverständnis veränderte?

Haslinger:
Ich habe erkannt, dass wir nur ein Teil der Natur sind und eben aufs Elendste krepieren können, wenn die Natur uns einholt. So, wie wenn wir eine Ameise in den Abfluss hinunterspülen. Der Natur ist das gleichgültig. Es kommt zu einer tektonischen Bewegung, die hat ihre Auswirkungen auf die Umgebung, und wir werden einfach weggeputzt.

Literaturen:
Die Natur annulliert alles?

Haslinger:
Jedes kulturelle Arrangement, alles, was wir in das Leben und die Welt hineininterpretieren, fällt schlagartig weg – alle Ideen von Menschenrechten und Menschenwürde sind angesichts eines solchen Vorgangs plötzlich völlig belanglos. Man lebt noch, vielleicht nur noch kurz, und muss das ganze kulturelle Korsett abstreifen, denn es ist nichts mehr wert. Meine Frau hat das genauso empfunden.

Literaturen:

Zugleich aber weckte das Gefühl der völligen Würdelosigkeit dieses Endes auch Ihren Kampfgeist, schreiben Sie. Von Religion ist nirgends die Rede. Ist das nicht auffällig bei einem ehemaligen Stiftszögling?

Haslinger:
Das hat mich im Nachhinein selbst überrascht, dass die Religion, die mir in meiner Jugend so viel bedeutet hat, völlig weg war. Ich bin ja überhaupt nur ins Stiftsgymnasium gekommen, weil ich Priester werden wollte. Aber im Tsunami gab es bei mir keinen Gedanken an einen Gott, der mich retten könnte.

Literaturen:
Auch Ihre Rettung gab Ihnen nicht das Gefühl, in Gottes Hand gewesen zu sein?

Haslinger:
Absolut nicht. Das sind alles zufällige Vorgänge. Wir hatten riesiges Glück, mehr war da nicht. Dieses Glück ist für mich nicht fassbar, es hat keinen transzendenten Hintergrund. Es gibt keine Kraft, die eine solche Finalität hergestellt hätte, dass ausgerechnet wir überleben. Daran glaube ich nicht.

Literaturen:

Ist Ihnen dieser Glaube während der Katastrophe abhanden gekommen oder schon vorher?

Haslinger:
Der war wahrscheinlich schon vorher weg. Aber der Tsunami war der Test. Vorher hätte ich nicht ausschließen können, dass bei mir, wenn ich in Todesnähe gerate, das kindliche Gottvertrauen wieder aufsteigt. Jetzt weiß ich: Das ist einfach nicht der Fall. Das ist Geschichte.

Literaturen:
Der Tsunami war auch eine Art Charaktertest für alle Menschen, die überlebten. Sie geben in Ihrem Bericht viele Beispiele menschlichen Verhaltens in den Tagen danach, ohne das moralisch zu bewerten. Die Überlebenden drifteten sofort auseinander, entlang der ethnischen Zugehörigkeit – hier die Europäer, dort die Asiaten. Die meisten sorgten rücksichtslos bloß für sich selbst, viele plünderten. Nur ganz wenige versuchten, die Zivilisation wieder aufzubauen, Hilfe für die Schwerverletzten zu organisieren und die Grundversorgung für alle in Gang zu bringen. Hat Sie das überrascht?

Haslinger:
Es war für mich eine neue Erfahrung. Es war eine Welt, in der schlagartig die Eigentumsordnung aufgehoben war. Plötzlich gab es keine Gesetze mehr, sondern nur noch die Moral, die jeder in sich trägt.

Literaturen:
Heißt das, es gab unter den Menschen dort viel mehr Plünderer als Helfer?

Haslinger:
Im Prinzip bin ich wohl davon ausgegangen, dass die Menschen in einer solchen Situation einander helfen. Aber das war nicht immer der Fall. In gewisser Weise haben ja auch wir als Familie in erster Linie an uns selbst gedacht und uns so organisiert, dass wir unseren Bereich auf dem Hoteldach sichern und unsere Dinge – Wasserflasche, Crackers, Verbandszeug, Badesandalen – zusammenhalten. Aber ich wäre nicht in der Lage gewesen zu tun, was viele junge Männer taten: fremde Hotelzimmertüren aufzubrechen und aus dem Besitz von Toten Dinge zu holen.

Literaturen:

Sie beschreiben auch, wie die kulturellen Unterschiede zutage traten, etwa zwischen den Thais und den Westlern.

Haslinger:
Die thailändischen Muslime waren hauptsächlich mit ihren Toten befasst, nicht mit den Überlebenden. Die Toten müssen unter die Erde, das war ihr kultureller Imperativ. Und so war ein ständiges Totenschleppen im Gange. Die westlichen Touristen hingegen haben die Leichen nur aus dem Weg geräumt, sie zugedeckt oder in einem dunklen Hotelkorridor zusammengelegt, damit sie aus dem Gesichtsfeld verschwinden.

Literaturen:
Der Tsunami hätte Thailand die Chance für ein Umdenken im Tourismus geboten. Hatten Sie bei Ihrem Besuch ein Jahr danach den Eindruck, dass die Einsicht gewachsen ist, durch einen ökologisch schonenden, sanften Tourismus die fragile Schönheit der Insel besser zu schützen?

Haslinger:
Die Regierung hat sich das so vorgestellt, aber auf der Insel hat man sich nicht darum gekümmert. Die Bewohner wollen den Massentourismus. Sie alle, von der Masseuse bis zum Tauchlehrer, wollen nichts sehnlicher, als dass die Touristen zurückkommen. Sie bauen die Hotels wieder auf, an derselben Stelle. Sie machen aus der Insel einen einzigen Freizeit- und Vergnügungsbetrieb. Wenn die nächste Flutwelle kommt, wird sie genauso verheerend wirken wie die letzte. Aber vielleicht wird man die Menschen rechtzeitig warnen können. Es wurde mittlerweile eine Sirene installiert.

Literaturen:
Wie hat Ihre Familie die Nachwirkungen der Katastrophe bewältigt? Sie waren doch alle vier traumatisiert?

Haslinger:
Ursprünglich dachte ich, dadurch, dass wir vier einander stützen und viel darüber reden, werden wir das schon schaffen. Das war aber nicht der Fall. Jeder hatte seinen Teil abbekommen. Sophie, die sich aus dem Wasser ziehen und in Sicherheit bringen konnte, dachte eine Zeitlang, sie hätte als Einzige aus der Familie überlebt. Das war ihr Trauma. Ein Ausbruch von Neurodermitis war die Folge. Elias hatte eine richtige posttraumatische Depression, die auch erfolgreich behandelt wurde. Meine Frau und ich kamen besser damit zurecht. Bei mir setzten die Alpträume erst ein, als ich mich ans Schreiben machte. Das alles aufzuschreiben, war dann aber hilfreich.

Literaturen:

Schreiben als Therapie?

Haslinger:

In diesem Falle war es so. Ich habe dieses Buch in erster Linie für mich selbst geschrieben. Und es hat geholfen. Ich kann nun schon mit Distanz darüber sprechen, ohne dass ich mich seelisch darin verheddere und ohne dass es mir die Tränen in die Augen drückt. Aber aus diesem Erlebnis wird wohl nie eine handhabbare Erinnerung werden, die man irgendwo als Anekdote einstreuen kann.

Literaturen:
Was war für Sie das Wichtigste an dieser Erfahrung?

Haslinger:

Am stärksten ausgewirkt haben sich die zwei Tage, in denen die Insel unser Gefängnis war. Dieses plötzliche Umkippen eines künstlichen Touristen-Paradieses in eine grauenhafte Stätte voller Blut, Toter und Schwerverletzter, in der man auf die primitivsten Dinge reduziert ist, wie Wasser auftreiben oder Verbandszeug suchen – zwei Tage in dieser Welt zu leben, das gibt dem Erlebnis mehr Nachdruck in der Erinnerung und im Gefühl als die Flutwelle selbst.

Literaturen:
Was hat sich für Sie dauerhaft verändert?

Haslinger:
Mein Lebensgefühl hat sich geändert – was der Mensch ist, wie Menschen sich zueinander verhalten. Mir ist auch klarer geworden, wozu wir die Literatur brauchen. Sie ist Gestaltung von Zeitlichkeit, Arbeit in und an der Zeit. Literatur ist die Übersetzung der Zeit ohne Anfang und Ende auf handhabbare menschliche Dimensionen. Insofern ist sie uns eine Hilfe, mit der Erkenntnis unserer Zeitlichkeit leben zu können.

Literaturen:
Ist Ihre Familie durch das Erlebnis enger zusammengerückt?

Haslinger:

Unbedingt. Es war doch letztlich auch das Erlebnis einer gemeinsamen Wiedergeburt.

Das Gespräch in Leipzig führte Sigrid Löffler

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www.literaturen.de
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