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 ~° Chronische Krankheiten °~
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03.05.2006 20:46
RE: Multiple Sklerose antworten

Was ist Multiple Sklerose?

Dr.med. Alexander Reinshagen, Facharzt für Neurologie

Die Multiple Sklerose - abgekürzt MS - ist eine chronisch entzündliche Erkrankung von Gehirn und Rückenmark, bei der es zur Entmarkung (Demyelinisation) bestimmter Nervenfasern kommt.
Das Mark ist eine fetthaltige Schicht um diese Nervenfasern.
Unter den verschiedenen Verlaufsformen der Multiplen Sklerose gibt es sehr milde Fälle, die im Alltagsleben kaum spürbar sind.

Seltener treten gravierende Verläufe auf, welche die Erkrankten innerhalb kurzer Zeit ihrer Selbständigkeit berauben.

Nach Angaben der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft ist die Multiple Sklerose die häufigste neuroimmunologische Erkrankung mit weltweit mehr als 2,5 Millionen Erkrankten. Sie beginnt in der Regel im frühen Erwachsenenalter etwa zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr. In Deutschland leben etwa 120.000 Betroffene, wobei Frauen mit 61 Prozent häufiger erkranken als Männer.
Global betrachtet herrscht bei der Verteilung der MS ein Nord-Süd-Gefälle vor: In kälteren Zonen ist die Krankheit häufiger als in der Nähe des Äquators. Außerdem gibt es ethnische Unterschiede.
Menschen mit europäisch-kaukasischer Abstammung erkranken am häufigsten, Japaner am seltensten.
Woher diese Unterschiede kommen, ist ebenso wie die Ursache der MS, trotz vieler Theorien, noch unbekannt.


Was ist die Ursache für Multiple Sklerose?

Die meisten Experten (nicht alle!) sind sich darin einig, dass eine Fehlreaktion des körpereigenen Abwehrsystems (Autoimmunerkrankung) zur allmählichen Zerstörung der Nervenhüllen (Myelinscheiden) führt. Dies beeinträchtigt die Weiterleitung von Nervenimpulsen und führt somit zu Lähmungen, sensiblen Reizerscheinungen des Körpers, häufig Sehstörungen auf zunächst einem Auge und vielen anderen Symptomen.

Eine Schlüsselrolle bei der Entstehung der MS spielen die T-Zellen der Immunabwehr. Normalerweise können sie gut zwischen körpereigenem Gewebe und Eindringlingen wie Bakterien oder Viren unterscheiden und gelangen normalerweise nicht in das Nervensystem. Die T-Zellen können jedoch im Rahmen eines noch unklaren Mechanismus aktiviert werden. Stoßen sie nun auf eine durch Entzündungsmechanismen durchlässige Blut-Hirn-Schranke, dann finden sie an den Zellen der so genannten weißen Substanz im Gehirn ein passendes Antigen. Dies führt zur zunehmenden Zerstörung der weißen Hirnsubstanz. Im Gehirn können die T-Zellen so genannte Fresszellen (Makrophagen) dazu anregen, sich an dem Zerstörungswerk zu beteiligen. Ein Teil der Nervenhüllen kann so "abgeknabbert" werden; sie können dann ihrer eigentlichen Funktion, Signale weiterzuleiten, weniger gut bis mitunter (vorübergehend) gar nicht mehr nachkommen.

In Familien, bei denen bereits ein Mitglied erkrankt ist, haben die anderen ein erhöhtes Risiko, an der MS zu erkranken. Dies deutet darauf hin, dass auch genetische Veranlagung eine Rolle spielt.



Welche Symptome weisen auf die Multiple Sklerose?

Fast immer sind es für den Betroffenen oder auch den Hausarzt nicht sicher einzuordnende Störungen im Sinn eines Schubes, der die Patienten erstmals in die Praxis führt. Ein Neurologe (Nervenarzt) versucht anhand der Krankengeschichte (Anamnese) den Krankheitsverlauf zu rekonstruieren. Folgenden Symptome treten im Anfangsstadium einer MS besonders häufig auf:

- Plötzlich auftretende Sehstörungen

- Lähmungen verschiedener Extremitätenbereiche

- Sensible Reizerscheinungen, von Patienten oft mit dem Satz "Es kribbelt so komisch" beschrieben. Es können auch andere Missempfindungen wie ein pelziges Gefühl auftreten. Dies kann unter Umständen sogar zu einem vollständigen Verlust des Gefühls, also zur Taubheit einer Körperregion, führen.

- Müdigkeit

- Schwindel

- Sprachstörungen

- Blasenschwäche, Verstopfung und andere Störungen der Harnwege und Verdauungsorgane

- Leistungsschwäche bei erhöhter Körper- oder Außentemperatur (Uhthoff-Phänomen)


All diese Merkmale können auch bei anderen Krankheiten auftreten. Der individuell sehr unterschiedliche Verlauf der MS erschwert zumindest im Anfangsstadium die Diagnose. Um den Verdacht auf eine MS zu bestätigen, sollten im Lauf des Lebens an zumindest zwei verschiedenen Körperstellen zu mindestens zwei verschiedenen Zeitpunkten anders nicht zu erklärende Beschwerden aufgetreten sein. Daher auch der Name Multiple (vielfache) Sklerose (dies meint die häufig zurückbleibenden Vernarbungen im Gehirn).

Da die Diagnose einer Multiplen Sklerose nicht immer aus der Krankengeschichte und dem Beschwerdebild ausreichend geklärt werden kann, sind häufig eine Reihe von Untersuchungen notwendig.



Welchen Verlauf nimmt die Krankheit?

Das immer wieder erneute Auftreten oben genannter Symptome in zumeist wieder neuer Ausprägung, wird als Schub der MS bezeichnet.

Der weitere Verlauf ist von Patient zu Patient sehr unterschiedlich. Der Schub wird vom Arzt behandelt. In den meisten Fällen verschwinden die Symptome nach einiger Zeit wieder - bis zum, möglicherweise, nächsten Schub. Je nachdem, wie oft die Schübe wiederkehren und wie sich der Zustand des Patienten zwischen den Schüben verändert, unterscheiden Ärzte vier verschiedene Formen der MS:



- Schubförmig-remittierend ist die häufigste Form und wird von etwa 70 Prozent aller Patienten unter 40 Jahren erlebt. Zwischen den plötzlich auftretenden Schüben erholen sich die Kranken vollständig oder teilweise.


- Sekundär progredient (fortschreitend): Bei etwa der Hälfte der Patienten mit schubförmig-remittierender MS entwickelt sich diese Krankheitsform innerhalb von zehn Jahren. Der körperliche Zustand wird dabei immer schlechter und die Rückbildung der Behinderungen zwischen den Schüben immer unvollständiger.


- Gutartig: Menschen mit dieser Form der Krankheit erleiden typischerweise zwei oder mehr Schübe, die ohne bleibende Schäden wieder abklingen. Dementsprechend ist das Alltagsleben kaum beeinträchtigt. Bis zu 20 Prozent aller Erkrankungen gehören in diese Kategorie, jedoch kann die gutartige Form auch in eine progrediente Form übergehen.
Bei welchen Menschen dies geschehen wird, können Ärzte bisher nicht voraussagen. Inzwischen geht man davon aus, dass es eine weitere Anzahl von Patienten mit einer für sie nicht zu bemerkenden MS, einer so genannten klinisch stummen Form gibt. Diese Patienten erleiden durch die Schädigungen im Nervensystem also keine Ausfälle.
Die Multiple Sklerose wird hier nur als Zufallsdiagnose bei anderweitig veranlasster Diagnose gefunden.


- Primär progredient ist die seltenste, aber auch schwerwiegendste Form der MS. Sie trifft ungefähr fünf bis zehn Prozent aller Patienten, meist sind es diejenigen mit spätem Krankheitsbeginn. Hier treten keine Schübe auf und der körperliche Zustand verschlechtert sich kontinuierlich.

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Die Unterscheidung der einzelnen MS-Formen ist besonders zu Erkrankungsbeginn schwierig, da die Übergänge fließend sind.
Wissenschaftler suchen derzeit nach Merkmalen, mit denen sie Patienten besser einordnen können. Inzwischen wurden auch Theorien laut, dass es sich durchaus um verschiedene Erkrankungen mit demselben Bild handeln könnte. Hier weitere Klarheit zu erlangen, wäre auch für die Therapie bzw. die Entwicklung neuer Therapeutika ein großer Fortschritt. Denn dann könnte man den Einsatz der heute verfügbaren Medikamente besser an den individuellen Bedürfnissen ausrichten.


Welche Untersuchungen sind nötig?

Messung von visuell evozierten Potenzialen (VEP): Am Kopf werden Elektroden angebracht, mit denen sich die Zeit messen lässt, die das Gehirn benötigt, um Informationen eines Bildschirmes über die Augen aufzunehmen und zu verarbeiten.


Messung von somatosensiblen evozierten Potentialen (SEP) und motorisch evozierten Potentialen (MEP): Dabei werden bestimmte Nerven elektrisch (SEP) bzw. bestimmte Hirnregionen magnetisch (MEP) gereizt. Diese Untersuchungen ermöglichen eine Aussage über die Leitfähigkeit der Nerven des zentralen Nervensystems. Treten Störungen der Nerven-Leitfähigkeit gleichzeitig an verschiedenen Abschnitten des zentralen Nervensystems auf, so spricht das für das Vorliegen einer Multiple Sklerose.
Die Untersuchungs-Ergebnisse können zudem gut mit späteren Untersuchungen verglichen werden, um den Verlauf der Multiplen Sklerose zu erfassen.


Die Kernspin-Tomographie (Magnet-Resonanz-Tomographie) liefert detaillierte Bilder (Scans) vom Inneren des Gehirns.
Ein bei dem Verdacht der MS gern gespritztes paramagnetisches Kontrastmittel hilft, Details, vor allem akute von alten Schädigungen abgrenzen zu können. Charakteristisch für die MS sind mehrere runde, helle Flecken (Läsionen). Neue Läsionen können auch nach einiger Zeit wieder verschwinden oder kleiner werden, was vermutlich die Folge von Reparaturprozessen im Gehirn ist. Kernspin-Tomographie-Aufnahmen, die in größeren zeitlichen Abständen gewonnen wurden, helfen, den Erfolg oder Misserfolg der Therapie zu beurteilen.


Liquoranalyse (Rückenmarkspunktion): Die Multiple Sklerose, aber auch andere Krankheiten wie etwa eine Hirnhautentzündung, verraten sich dadurch, dass bestimmte Antikörper und Eiweiße vermehrt gebildet werden oder die Zahl und Art von Blutzellen verändert ist.



Wie wird die Multiple Sklerose behandelt?

Es gibt im wesentlichen drei Strategien der Krankheitsbekämpfung.

Akute Schübe lassen sich durch die Gabe von entzündungshemmendem Kortison und seiner Abkömmlinge mindern und abkürzen. Je nachdem, welche Störungen oder Behinderungen aufgetreten sind, wird der Arzt auch Medikamente verschreiben, welche einzelne Symptome gezielt bekämpfen. Dazu gehören muskelentspannende Medikamente, Antidepressiva bei Depressionen und Angst, Antiepileptika bei Krampfanfällen und Schmerzmittel. Es gibt auch Mittel gegen Blasenstörungen.

Physiotherapie, Krankengymnastik und eine gesunde Ernährung helfen im Umgang mit der Krankheit.
Fordern, aber nicht überfordern, heißt die Devise. Experten raten deshalb zu regelmäßiger körperlicher Betätigung (Schwimmen, Gymnastik, Tretrad) - auch bei Patienten mit fortgeschrittener MS.
Mit zunehmender Behinderung wird die emotionale Unterstützung durch Familie, Freunde und Pfleger immer wichtiger. Nicht selten treten ernsthafte Depressionen auf, die mit Medikamenten und/oder Psychotherapie behandelt werden müssen.

Die Symptome der Multiplen Sklerose können häufig gelindert werden, heilbar ist die Multiple Sklerose aber bisher nicht.
Es gibt jedoch mehrere Medikamente, die das veränderte Immunsystem günstig beeinflussen können und dadurch den Krankheitsverlauf bei der schubförmigen bzw. der sekundär-progredienten Form der MS abbremsen können. In zahlreichen Studien an Tausenden von Patienten wurde nachgewiesen, dass die folgenden Medikamente die Häufigkeit und Schwere der Schübe reduzieren:

- Beta-Interferone müssen, günstigstenfalls vom Patienten selbst, unter die Haut oder in den Muskel gespritzt werden.

- Glatiramer, Azathioprin und Immunglobuline werden als Alternative empfohlen.

- Kombinationstherapien aus bereits zugelassenen Präparaten.

In aktuellen Studien gibt man ein Betainterferon mit Glatirameracetat, Immunglobulinen oder Mitoxantron. Man hofft dabei, dass die Wirkung zweier Substanzen mit unterschiedlichem Mechanismus besser ist als die Wirkung nur einer Substanz.

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Fachgesellschaften raten Patienten zu einem möglichst frühzeitigen Einsatz dieser einem Schub vorbeugender Maßnahmen, wenn die Diagnose eindeutig (!?) ist und es mindestens zwei funktional relevante Schübe in den letzten beiden Jahren gegeben hat oder einen schweren Krankheitsschub mit schlechter Prognose.
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Quelle: www.netdoktor.de

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