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Dieses Thema hat 3 Antworten
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 ~°~ Kinder, Jugendliche und die EPILEPSIE ~°~
Luca Offline




Beiträge: 10.600

09.02.2006 00:23
RE: Krampfanfälle bei Babys und Kindern! antworten

Krampfanfälle (Epilepsie) bei Baby & Kind


Dr. med Petra May, Fachärztin für Kinderheilkunde


Man geht davon aus, dass etwa jeder zehnte Mensch im Lauf seines Lebens mindestens einmal einen Krampfanfall erleidet. In vielen Fällen sind diese Anfälle harmlos und als einmaliges Ereignis zu werten, wie zum Beispiel der Fieberkrampf. Manchmal verbirgt sich dahinter aber auch eine ernst zu nehmende Erkrankung, welche die Kinder über einige Jahre oder ihr Leben lang begleitet. In diesem Fall spricht man von Epilepsie oder Anfallsleiden.



Was versteht man unter Krampfanfällen und Epilepsie?


Krampf- und epileptische Anfälle sind Ausdruck einer Hirnfunktionsstörung, die verschiedene Ursachen haben kann. Dabei kommt es zu abnormen gleichzeitigen Spontanentladungen von Nervenzellen im Gehirn, die eine unkontrollierte Anspannung und Zuckungen der Muskulatur oder Bewusstseinsstörungen verursachen können.

Je nach Dauer, Form und Häufigkeit der Anfälle, Alter des Kindes und Ort der eventuell zu Grunde liegenden Gehirnschädigung unterscheidet man zahlreiche Formen von Krampfanfällen und Epilepsie.



Welche Ursachen haben Krampfanfälle und Epilepsie?

Für Krampfanfälle und Epilepsie im Kindesalter werden eine Vielzahl von Ursachen verantwortlich gemacht. Als wichtigste sind zu nennen:



Erbliche Veranlagung


Schäden des Gehirns, hervorgerufen z.B. durch Hirnblutungen, Entzündungen des Gehirns (Enzephalitis) und der Hirnhaut (Meningitis), angeborene Fehlbildungen des Gehirns, Schädel-Hirn-Trauma oder Hirntumor.


Fieber


Schlafentzug


Vergiftungen


Stoffwechselstörungen (z.B. Unterzucker bei Diabetes mellitus)


Seelische Erregung


Körperliche Anstrengung


Flackerlicht

Die genannten Faktoren tragen zur Steigerung der Anfallsbereitschaft bei. Treffen mehrere Umstände zu, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, einen Krampf- oder epileptischen Anfall zu bekommen. Aber auch ein Faktor allein kann zu einem Anfall führen.



Woran erkennt man Krampf- und epileptische Anfälle?

Die Erkrankung hat ganz unterschiedliche Erscheinungsformen und kann in jedem Alter auftreten. Manche Formen sind jedoch für bestimmte Altersgruppen charakteristisch (z.B. Neugeborenenkrämpfe)



Krampf- und epileptische Anfälle können zu jeder Tages- und Nachtzeit auftreten. Bestimmte Anfallsformen treten besonders häufig nach dem Aufwachen oder nachmittags auf. Sie können auch durch bestimmte Ereignisse hervorgerufen werden.


Einem Anfall gehen manchmal Verstimmung, Reizbarkeit und Kopfschmerzen voraus.


Auch bestimmte halluzinogene Sinneswahrnehmungen können auftreten: z.B. das Hören von Geräuschen oder Sehen von Dingen, die nicht existieren. Diese Sinneswahrnehmungen werden als "Aura" bezeichnet.


Oft verdreht das Kind bei einem Anfall die Augen oder es hat einen starren Blick und reagiert nicht auf Ansprechen.


Dabei können die Muskeln des ganzen Körpers oder einzelner Körperteile (z.B. Arme und/oder Beine) stark dauerhaft angespannt sein (tonischer Krampfanfall) oder zuckende Bewegungen zeigen (klonischer Krampfanfall). Die beiden Formen können nacheinander oder abwechselnd auftreten.


Ein Anfall kann mit Zuckungen der Mundwinkel oder einer Hand beginnen, also zunächst auf einen kleinen Körperbereich beschränkt sein (fokale Form) und sich dann weiter ausbreiten (generalisierte Form).


Bei manchen Anfällen treten Blässe, Atemunregelmäßigkeiten und selten Atemstillstand auf. Vor allem während der tonischen Phase ist es möglich, dass sich das Kind auf die Zunge beißt. Allerdings sind nur sehr selten schwere Zungenverletzungen die Folge. Durch starke Zungenbewegungen während der klonischen Krampfphase wird der Speichel schaumig geschlagen und tritt aus dem Mund aus ("Schaum vor dem Mund").


Eventuell hat das Kind keine Kontrolle über seine Ausscheidungsorgane.


Nach dem Anfall ist das Kind meist für einige Minuten noch nicht ansprechbar und auch anschließend noch sehr schläfrig.


Es gibt auch Krampfanfälle, die kaum als solche bemerkt werden. Die Absence z.B. ist eine kurze Periode von Bewusstseinstrübung (einige Sekunden), ohne dass das Kind dabei hinstürzt. Dabei wird die momentane Tätigkeit (Spielen, Sprechen, Gehen) kurz unterbrochen und anschließend fortgesetzt, als wäre nichts gewesen.


Die genaue Beobachtung und Beschreibung eines Anfalls ist für den Arzt sehr wichtig, nur so kann er bei der Vielzahl der möglichen Anfallsformen die richtige Diagnose stellen.



Wie stellt der Arzt die Diagnose?



Genaue Beschreibung des Anfalls durch einen Beobachter


Körperliche Untersuchung des Kindes


Mittels Elektroenzephalogramm (EEG) stellt der Arzt die Aktivität der Hirnströme fest. Das EEG zeichnet sozusagen die Krampfbereitschaft des Gehirns auf. Auch eine erbliche Veranlagung kann mit dieser Untersuchungsmethode festgestellt werden.


Computer-Tomographie (CT) oder oder Kernspin-Tomographie (MRT), um einen Hirntumor oder sonstige organische Hirnschäden erkennen zu können.


Untersuchung des Augenhintergrunds


Untersuchung des Nervenwassers (Liquor) durch eine Lumbalpunktion


Untersuchung des Bluts sowie des Urins


Bei häufigen epileptischen Anfällen sollten die Eltern ein Protokoll führen über Zeit, Dauer und Art der Krampfanfälle.


Möglichkeiten der Behandlung

Akutbehandlung:

Während des akuten Anfalls dürfen Sie Ihr Kind nicht festhalten. Sie sollten es vor Selbstverletzung schützen, indem Sie alle Gegenstände (z.B. Stühle und Tische), gegen die es schlagen könnte, aus seinem Bewegungsradius entfernen. Legen Sie unter den Kopf des Kindes ein Polster (Kissen, Jacke o. ä.). Versuchen Sie nicht, Ihrem Kind etwas in den Mund zu schieben, um den Zungenbiss zu verhindern. Dadurch würden nur unnötige Mundverletzungen verursacht. Außerdem hat der Zungenbiss, falls es überhaupt dazu gekommen ist, ohnehin schon zu Beginn des Anfalls stattgefunden.


Kommt es während der tonischen Phase zu einem Atemstillstand, muss das Kind in der Regel nicht beatmet werden. Die Atmung setzt von selbst nach wenigen Sekunden wieder ein. Insgesamt verlangt die erste Hilfe bei einem akuten Krampfanfall vom Helfer ein eher passives Verhalten, was oft sehr schwer fällt. Weniger ist in diesem Falle aber oft mehr.


Hat der Arzt bereits krampflösende Medikamente verschrieben, zum Beispiel eine Valium-Rektiole, so kann diese während des Krampfanfalls - nicht danach - gegeben werden. Sie müssen sich vom Arzt vorher genau zeigen lassen, wie und wann Sie das Mittel anwenden.


Holen Sie sofort den Notarzt, oder fahren Sie auch nach einem kurzen Anfall auf jeden Fall ins Krankenhaus. Manchmal sistieren Krampfanfälle erst durch die Gabe intravenöser Medikamente, oder wiederholen sich. Ein Arzt muß das Kind unbedingt nach dem Krampfanfall untersuchen, besonders wenn das Kind noch keine bekannte Epilepsie hat.

Dauerbehandlung:

Um erneute Krampfanfälle möglichst zu verhindern, muss das Kind regelmäßig so genannte Anti-Epileptika einnehmen. Die Art und Dosierung der Medikamente muss individuell auf das Kind abgestimmt werden. Sollten bestimmte krampfauslösende Ereignisse bekannt sein, so müssen diese natürlich in Zukunft vermieden werden (z.B. Flackerlicht, Schlafentzug oder unzureichender Bildschirmabstand).

Prognose

Bei rechtzeitiger Diagnose und Behandlung sind die Erfolgsaussichten, die Anfälle zu unterdrücken, meist gut. Oft verschwindet die Anfallsneigung nach der Pubertät von ganz allein. Es gibt jedoch immer wieder Fälle von Epilepsie, die sich sehr schwer behandeln lassen, die nicht auf Anti-Epileptika ansprechen und chronisch werden.

Lange und häufige Krampfanfälle sollten aber möglichst verhindert werden, da Schäden am Gehirn entstehen können, die wiederum zu Anfallshäufung und geistiger Behinderung führen können. Es ist deshalb sehr wichtig, dass Sie die für Ihr Kind ideale Therapie mit Ihrem Kinderneurologen besprechen.

Übrigens ist es nicht wahr, dass Menschen, die an Epilepsie oder anderen Anfallskrankheiten leiden, eine verminderte Intelligenz haben. Cäsar, Alexander der Große und Napoleon waren beispielsweise Epileptiker.

Quellen
Doose: Epilepsien im Kindes-,u.Jugendalter

Redaktion Dr. med. Katharina Larisch

Aktualisierung 24.04.2004

Gruß
Luca:Blume:

Gypsy ( gelöscht )
Beiträge:

09.02.2006 15:20
#2 RE: Krampfanfälle bei Babys und Kindern! antworten

Hi Jo und alle EPIFO-Leser

es ist schon beinahe erschreckend, wie wenig "man" eigentlich von all diesen Dingen weiß - solange nicht zufällig man selber, oder ein Angehöriger, betroffen ist!
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Dabei wäre es ganz einfach, die Menschen über bestimmte Erkrankungen aufzuklären.
Dazu gehören für mich in erster Linie ganz klar die verschiedenen Formen der Epilepsie, dann alles was mit Diabetes zusammenhängt, ebenso wie das Tourette Syndrom oder das "Phänomen" des Stotterns, um nur einige wegie Beispiele zu nennen.

Es gibt sicher noch unzählige andere Handicaps, mit denen zu leben für die Betroffenen schon schwer genug ist. Es wird ihnen aber ungleich schwerer gemacht, dadurch, dass sie teilweise wie Aussätzige, wie Unnormale und Unerwünschte behandelt werden...

Aufklärung könnte/kann/würde Abhilfe schaffen!
Aufklärung und Information, die dringend nötig wäre!


Das könnte in der Schule geschehen, vielleicht sogar schon im Kindergarten (ist in vielen integrativen Kigas ja auch möglich, und zwar sehr erfolgreich!),auch in Kursen nach Art von "Erste Hilfe" könnte man den Menschen, die daran interessiert sind, erklären und aufzeigen, was es bedeutet, wenn jemand Epileptiker ist, dass das nicht gleichbedeutend ist mit "irre sein", dass es verschiedene Formen der Epilepsie gibt usw., usw.!

Es könnte über Krämpfe und deren Ursachen gesprochen werden, Fallbeispiele könnten aufgezeigt und an ihnen die geeigneten Hilfsmaßnahmen angewandt werden!

Berührungsängste könnten auf diese Weise abgebaut und ihn Hilfsimpulse umgewandelt werden, denn Menschen reagieren doch in der Hauptsache dann falsch, unlogisch oder gar unmenschlich, wenn sie nicht wissen, worum es sich handelt...[/b]alles könnte/würde viel normaler und selbstverständlicher in das gesellschaftliche Leben integriert werden, wenn nur Information und Wissen vermittelt würden!

Warum nur ist das so schwer? Ist es das potentiell Finanzielle, das zwangsläufig dahinter stünde? Wenn ich nur daran denke, wie unendlich viele Menschen es gibt, die einen sozialen Beruf erlernt haben und auf der Strasse stehen...selbst wenn der jeweils erlernte Beruf nicht der absolut passende wäre:
In Fortbildungskursen und in entsprechenden Schulungen müßte es doch möglich sein, diese Leute dafür zu motivieren, sich umzuorientieren - ich bin sicher: Jeder begibt sich lieber auf fundiertes Neuland, als auf der Strasse zu stehen!
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Ja, ich bin ganz fest davon überzeugt, dass es möglich wäre - mit ein bißchen gutem Willen und der nötigen Portion Risikofreude seitens jedweder Institutionen, - diesen Menschen ihrer Außenseiterrolle zu entreissen, dazu würde es nicht allzu vieler Anstrengungen bedürfen!

Allerdings, eines lässt sich nicht erlernen oder antrainieren, das gehört wohl eher in die Sparte Characktereigenschaften und Rückrat: Toleranz und die Fähigkeit, die Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind - mit all ihren Makeln und all ihren ebenso vorhandenen Fähigkeiten...

So, das erstmal dazu von mir! Danke fürs geduldige Lesen, falls so geschehen...


Bye
Natascha
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micha ( gelöscht )
Beiträge:

13.07.2010 00:08
#3 RE: Krampfanfälle bei Babys und Kindern! antworten

danke für diesen sehr interessanten beitrag. meine tochter (4 monate) hat nun so etwas bekommen. Ob es wirklich ein Krampf war, weiss mann nicht. Aber die Reihenfolge der Untersuchung war exakt so wie hier beschrieben. unser mädchen mußte viel durchmachen. jetzt macht sie wieder ein auf unschuldig und es geht normal weiter. da alle untersuchungen negativ waren , hoffe ich auf die erste variante, dass man einen krampf einmal im leben bekommen kann.
dieser bericht war wie ein leitfaden für mich. so hatte ich auch besser verstanden warum die ärzte welche tests machen wollten bzw. gemacht haben. ich konnte mit der situation besser umgehen weil ich informiert bzw, vorbereitet war, dass meinen tochter nicht die einzige ist die solche situationen durchgelebt hat.
besten dank
michael

Gast ( gelöscht )
Beiträge:

19.12.2010 08:55
#4 RE: Krampfanfälle bei Babys und Kindern! antworten

Vielen Dank für die vielen Informationen. Mein Sohn (6) hat in der letzten Woche im Kindergarten erstmalig einen Krampfanfall erlitten. Die Kindergärtnerin hat genau richtig reagiert und so eine weitere Verletzung vermieden. Dafür bin ich sehr dankbar.
Im Krankenhaus wurden dann alle Tests gemacht, genau wie beschrieben. Ohne Befund! Lediglich beim EEG wurde eine erhöhte cerebrale Anfallsbereitschaft festgestellt. Im März müssen wir zur Kontrolle.
Inzwischen ist mein Sohn wieder zu Hause und nun heißt es, damit umgehen lernen und ihn Kind sein lassen.
Heike

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