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Dieses Thema hat 2 Antworten
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 °° Epilepsie allgemein °°
Luca Offline




Beiträge: 10.600

30.12.2005 00:02
RE: Medikamente gegen Epilepsie! antworten

Alte Medikamente gegen Epilepsie!

Die alten (konventionellen) Antiepileptika

Es werden die alten (konventionellen) Antiepileptika in alphabetischer Reihenfolge besprochen, und zwar werden die möglichen Anwendungen bei den verschiedenen Epilepsien und die wichtigsten Nebenwirkungen der einzelnen Substanzen dargestellt.

ACTH Handelsname: Synacten® (Tetracosactid)

Wirkungsmechanismus:
Das adrenocortikotrope Hormon (ACTH) ist ein Hormon, das in der Hirnanhangsdrüse gebildet wird und die Funktion der Nebennieren steuert, welche ihrerseits Hormone bilden (u.a. Cortison und Aldosteron), welche vielfältige Wirkungen auf den Stoffwechsel und den Mineralhaushalt haben. ACTH hat deshalb auch besonders viele und starke Nebenwirkungen.

Anwendung:
ACTH wirkt nur bei wenigen Epilepsien, am ehesten bei der BNS-Epilepsie, daneben auch bei der myoklonisch-astatischen Epilepsie, beim Landau-Kleffner-Syndrom, beim ESES-Syndrom und beim Lennox-Gastaut-Syndrom. Es muss intramuskulär gespritzt werden. Wegen der starken Nebenwirkungen wird es in der Regel nur kurze Zeit angewendet. Anstelle von ACTH werden teilweise auch die oral anwendbaren Cortison-Präparate Prednison (Prednisolon) oder Dexamethason verwendet.

Nebenwirkungen (abhängig von der Dosis und der Dauer der Verabreichung):
Leukozytose (Vermehrung der weißen Blutkörperchen), Schwächung des Immunsystems mit erhöhtem Risiko schwerer bakterieller Infektionen, Elektrolytverschiebungen im Blut, Hyperglykämie (erhöhte Blutzuckerwerte), Bluthochdruck, Reizbarkeit, Veränderungen des Gesichtes (sog. Cushing-Aspekt), Erbrechen, Magenblutungen, Ödeme, Veränderungen der Herzmuskulatur mit dem Risiko des Herzversagens
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Bromid Handelsname: Dibro-Be®

Wirkungsmechanismus:
Verstärkung der GABA-Wirkung (GABA=Gamma-Aminobuttersäure, diese ist der wichtigste anfallshemmende Überträgerstoff im Gehirn)

Anwendung:
Epilepsien mit generalisierten tonisch-klonischen Anfällen, vor allem bei der frühkindlichen Grand-Mal-Epilepsie und der schweren myoklonischen Epilepsie des Kleinkindesalters

Tagesdosis:
Erwachsene: 30-50 mg/kg, Schulkinder: 40-60 mg/kg, Kleinkinder: 50-70 mg/kg

Nebenwirkungen:
Appetitmangel, Reizungen des Magen-Darmtraktes, "Bromismus" mit Verlangsamung, Schläfrigkeit, Schwindel, Kopfschmerzen, Konzentrationsmangel, Gedächtnisverlust, Halluzinationen; Bromakne, Bromschnupfen, sog. Bromoderm (schmerzhafte Knoten an den Streckseiten der Unterschenkel)

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Carbamazepin Handelsnamen: Finlepsin®, Sirtal®, Tegretal®, Timonil®, andere
( nimmt unsere Tochter-Timonil)

Wirkungsmechanismus:
Trizyklische Substanz, welche die Natriumkanäle in den Nervenzellmembranen blockiert

Anwendung:
Mittel der ersten Wahl bei Anfällen fokalen Ursprungs

Tagesdosis:
Erwachsene: Erwachsene: 600-1200 (-2000) mg; Kinder: 10-40 mg/kg

Nebenwirkungen:
Häufigere:

Magen-Darm-Beschwerden mit Übelkeit, Erbrechen; Müdigkeit, Schwindel, Kopfschmerzen, Doppeltsehen, Gangunsicherheit; vorübergehende Leukopenie (Verminderung der weißen Blutkörperchen) in 5-20% der Fälle (ohne Krankheitswert); allergischer Hautausschlag bei 10% der Patienten;
Seltene:
Hyponatriämie (Absenkung des Minerals Natrium im Blut, meist ohne Krankheitswert); Spaltbildung der Wirbelsäule (Spina bifida) beim Neugeborenen, falls es in der Frühschwangerschaft eingenommen wurde
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Clobazam Handelsname: Frisium®

Wirkungsmechanismus:
Verstärkung der GABA-Wirkung (GABA=Gamma-Aminobuttersäure, diese ist der wichtigste anfallshemmende Überträgerstoff im Gehirn)

Dosierung:
Erwachsene: 10-40 mg; Kinder: 0,3-1 mg/kg;

Anwendung:
Zusatztherapie bei generalisierten und fokalen Epilepsien, einschließlich des Lennox-Gastaut-Syndroms

Nebenwirkungen:
Müdigkeit, Schwindel, Schläfrigkeit, Gangunsicherheit, verstärkter Speichelfluss, Reizbarkeit, depressive Verstimmung; Verlust der Wirkung im Laufe der Zeit (Entwicklung einer Toleranz) in 50% der Patienten, der Entzug von Frisium kann Anfälle auslösen
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Ethosuximid Handelsname: Petnidan®, Suxilep®, Suxinutin®

Wirkungsmechanismus:
Dieses Medikament mit einer speziellen Ringstruktur reduziert den Strom des Minerals Calcium durch die Membranen der Nervenzellen

Tagesdosis:
Erwachsene: 500-2000 mg (10-20 mg/kg); Kinder: 15-40 mg/kg

Anwendung:
Absencen

Nebenwirkungen:
Häufigere:
Übelkeit, Erbrechen, Aufstoßen, Müdigkeit;
seltene:
Kopfschmerzen, Schwindel, depressive Verstimmung
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Mesuximid (Methsuximid) Handelsname: Petinutin®

Wirkungsmechanismus:
unbekannt, wahrscheinlich ähnlich dem des Ethosuximids (s. oben)

Anwendung:
schwierig zu behandelnde Absencen, schwierige Epilepsien mit komplexen fokalen Anfällen, Lennox-Gastaut-Syndrom

Tagesdosis:
Erwachsene: 900-1200 mg, Kinder: 20 mg/kg

Nebenwirkungen:
Häufigere:

Magen-Darm-Beschwerden mit Appetitmangel, Übelkeit, Erbrechen, Schluckauf, Bauchschmerzen; Müdigkeit, Kopfschmerzen, Lichtscheu, Gangunsicherheit, Schwindelgefühl, Reizbarkeit;
Seltene:
Verhaltensaufälligkeiten, Konfusion
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Phenobarbital Handelsnamen: Luminal®, Luminaletten®,

Wirkungsmechanismus:
Dieser Barbitursäureabkömmling verstärkt die u.a. die GABA-Wirkung (GABA=Gamma-Aminobuttersäure, diese ist der wichtigste anfallshemmende Überträgerstoff im Gehirn)

Anwendung:
fokale und generalisierte Epilepsien; Neugeborenenkrämpfe; intravenös zur Behandlung des Status epilepticus; zur Fieberkrampfdauerprophylaxe

Tagesdosis:
Erwachsene: 30-200 mg (2-3 mg/kg); Kinder: 2-8 mg/kg

Nebenwirkungen:
Häufigere:
Müdigkeit, allgemeine Verlangsamung, Verhaltensstörungen, verminderte Konzentrationsfähigkeit;

Seltene: Schwindel, Verschwommensehen, Gangunsicherheit, Störungen des Denkens, Störung des Vitamin D- und Calcium-Phosphatstoffwechsel (Osteomalazie); bei Einnahme in der Schwangerschaft: Dysmorphien (gestaltliche Auffälligkeiten) des Neugeborenen, nämlich kleine und große Fehlbildungen; Beeinträchtigung des Gehirnwachstums (reduzierter Kopfumfang); vermindertes Geburtsgewicht
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Phenytoin Handelsnamen: Epanutin®, Phenhydan®, Zentropil®

Wirkungsmechanismus:
blockiert die Natriumkanäle in den Nervenzellmembranen

Anwendung:
Epilepsien mit fokalen und sekundär generalisierten Anfällen; intravenös zur Behandlung des Status epilepticus; zur Behandlung der Neugeborenenkrämpfe (intravenös)

Tagesdosis:
Erwachsene: 300-400 mg (5 mg/kg), Kinder: 5-10 mg/Tag (in Abhängigkeit vom Lebensalter); Gefahr der Intoxikation(Vergiftung) durch Überdosierung

Nebenwirkungen:
Hautausschlag in 5-10% der Patienten; bei sehr hoher Dosis: Augenzittern (Nystagmus) Gangunsicherheit, Müdigkeit, Schläfrigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, Tremor, Störungen des Denkens, Verhaltensstörungen; in 20% der Patienten Vergröberung der Gesichtszüge, Wucherung des Zahnfleisches (Gingivahyperplasie); an der Haut: Akne, verstärkte Körperbehaarung; bei Einnahme während der Schwangerschaft: kleine und große Anomalien des Neugeborenen
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Primidon Handelsnamen: Liskantin®, Mylepsinum®,

Wirkungsmechanismus:
als Barbituratabkömmling ähnlich wie Phenobarbital

Anwendung:
wie bei Phenobarbital; schwierig zu behandelnde fokale und generalisierte tonisch-klonische Anfälle; myoklonische Anfälle nach Versagen der Mittel der ersten Wahl

Tagesdosis:
Erwachsene: 750-1000 (-1500) mg; Kinder: 5-20 mg/kg

Nebenwirkungen:
ähnlich Phenobarbital
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Sultiam Handelsname: Ospolot®

Wirkungsmechanismus:
Sulfonamidabkömmling, welcher die Carboanhydrase hemmt, welche den Säure-Basen-Haushalt reguliert

Anwendung:
Mittel der ersten Wahl bei den idiopathischen fokalen Epilepsien (z.B. der Rolando-Epilepsie); ist auch bei kryptogenen und symptomatischen fokalen Epilepsien wirksam, möglicherweise auch bei den BNS-Krämpfen

Tagesdosis:
Erwachsene: 400-2000 mg; Kinder: 5-10 mg/kg

Nebenwirkungen:
Magen-Darm-Beschwerden (etwa 10% der Patienten); verstärktes Atmen (Hyperpnoe), Kribbeln (Parästhesien) in den Händen und um den Mund herum, Appetitminderung, Gewichtsverlust, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Doppelbilder, Schwindelgefühl
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Valproat Handelsnamen: Convulex®, Ergenyl chrono®, Leptilan®, Mylproin®, Orfiril long®

Wirkungsmechanismus:
Noch nicht eindeutig geklärt, aber wahrscheinlich mehrere Wirkmechanismen: Hemmung der Natriumkanäle und Calciumkanäle in den Nervenzellmembranen, verstärkte GABA-Wirkung (GABA=Gamma-Aminobuttersäure, diese ist der wichtigste anfallshemmende Überträgerstoff im Gehirn)

Anwendung:
Sehr breites Wirkungsspektrum; generalisierte Epilepsien mit tonisch-klonischen, tonischen, klonischen, myoklonischen Anfällen und/oder generalisierten Absencen; Epilepsien mit fokalen und sekundär generalisierten Anfällen; Lennox-Gastaut-Syndrom; West-Syndrom; intravenöse Behandlung des Status epileptikus

Tagesdosis:
Erwachsene: 1200-1800 (-4000) mg; Kinder: 15-60 mg/kg, meist 20-30 mg/kg, in Einzelfällen bis 100 mg/kg (West-Syndrom

Nebenwirkungen:
Häufigere:

Müdigkeit, Tremor, Haarausfall, Verhaltensauffälligkeiten, Magen-Darm-Störungen (selten bei dünndarmlöslichen Retard-Präparaten), Hyperammonämie (etwas erhöhter Ammoniakwert im Blut, in der Regel ohne Krankheitswert), vorübergehend leichte Erhöhungen der Leberwerte und leichte Verminderung der Blutplättchen (Thrombopenie); Gewichtszunahme;
Sehr selten:

akutes Leberversagen, Pankreatitis, Knochenmarksdepression; bei Einnahme während der Schwangerschaft kleine und große Fehlbildungen bei den Neugeborenen, Risiko der Spaltbildung des Wirbelsäule und des Rückenmarks (Spina bifida) etwa 1-2% der Neugeborenen (wenn die Schwangere in den ersten Wochen der Schwangerschaft eine hohe Dosis, d.h. mindestens 1 g Valproat pro Tag einnimmt, die Einnahme von Folsäure in der Frühschwangerschaft kann die Spaltbildung verhindern)

Gruß
Luca

Luca Offline




Beiträge: 10.600

30.12.2005 00:14
#2 RE: Medikamente gegen Epilepsie! antworten

Neue Medikamente gegen Epilepsie!

Die neuen Antiepileptika

Es werden die in den letzten Jahren zur Verschreibung zugelassenen Antiepileptika in alphabetischer Reihenfolge besprochen, und zwar werden die möglichen Anwendungen bei den verschiedenen Epilepsien und die wichtigsten Nebenwirkungen der einzelnen Substanzen dargestellt.
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Felbamat Handelsname: Taloxa®

Wirkungsmechanismus:
Dieses mit dem Meprobamat verwandte Medikament hemmt die Erregung durch den Überträgerstoff Glutamat und verstärkt die GABA-Wirkung (GABA=Gamma-Aminobuttersäure, diese ist der wichtigste anfallshemmende Überträgerstoff im Gehirn)

Tagesdosis:
Erwachsene: 1200-2400 (-3600) mg/kg; Kinder: 20-60 mg /kg (maximal bis 90 mg/kg)

Anwendung:
Behandlung des Lennox-Gastaut-Syndroms ab dem 4. Lebensjahr, wenn dieses auf andere Medikamente nicht anspricht; ist von den neuen Antiepileptika bei dieser Epilepsie am wirksamsten; in Einzelfällen Reservepräparat bei anderen therapieschwierigen Epilepsien

Nebenwirkungen:
Häufigere:
Übelkeit und Erbrechen, Kopfschmerzen, Appetitmangel, Gewichtsverlust, Schlafstörungen, Verschwommensehen, Gangunsicherheit
Sehr selten:
Aplastische Anämie (in 30% tödlich), akutes Leberversagen (in 60% tödlich); diese schweren lebensbedrohlichen Komplikationen sind bisher nicht bei Kindern bis zum Alter von 12 Jahren beobachtet worden
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Gabapentin Handelsname: Neurontin®

Wirkungsmechanismus:
Noch nicht genau bekannt, u.a. Verstärkung der GABA-Wirkung, (GABA=Gamma-Aminobuttersäure, diese ist der wichtigste anfallshemmende Überträgerstoff im Gehirn)

Anwendungsspektrum:
Monotherapie und Zusatztherapie bei Erwachsenen und Kindern mit fokalen und sekundär generalisierten Anfällen

Tagesdosis:

Erwachsene: 1200-2400 (-4800) mg; Kinder: 30-50 mg/kg

Nebenwirkungen:
Häufigere: Schläfrigkeit, Müdigkeit, Schwindel, Kopfschmerzen, Übelkeit

Seltene: Gangunsicherheit, Augenzittern, bei Kindern Verhaltensauffälligkeiten in Form aggressiven Verhaltens und motorischer Unruhe, Gewichtszunahme, Bewegungsstörungen

Bemerkung:
Gabapentin ist besonders gut verträglich
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Lamotrigin Handelsnamen: Lamictal®, Lamotrigin Desitin®, andere

Wirkungsmechanismus:
Ein Triazinabkömmling, der die Natrium-Kanäle in den Nervenzellmembranen blockiert und die Freisetzung der erregenden Überträgerstoffe Glutamat und Aspartat hemmt

Anwendungsspektrum:
Breites Wirksamkeitsspektrum, Zusatztherapie und Monotherapie bei fokalen und sekundär generalisierten Epilepsien; Zusatztherapie und Monotherapie bei generalisierten Epilepsien mit tonisch-klonischen, myoklonischen, atonischen und tonischen Anfällen sowie Absencen; Zusatztherapie beim Lennox-Gastaut-Syndrom

Tagesdosis:
Monotherapie Erwachsene und Kindern ab 12 Jahre: 100-200 mg, eine Höherdosierung ist je nach Verträglichkeit möglich;

Zusatztherapie bei Kindern 2- 11 Jahre: ohne Valproat 5-15 mg/kg, in Kombination mit Valproat 1-5 mg/kg; bei Kindern ab 12 Jahren und bei Erwachsenen: 200-400 mg ohne Valproat, 100-200 mg mit Valproat;

Nebenwirkungen:
Häufigere:
Allergischer Hautausschlag in den ersten 8 Wochen (unter 5% der Patienten)

Seltener:
Müdigkeit, Schwindel, Tremor, Gangunsicherheit, Doppelbilder, Augenzittern,

Selten:
schwere Hautreaktion in Form des Stevens-Johnson-Syndroms (bei Kindern 1 auf 300 Patienten, bei Erwachsenen 1 auf 1000 Patienten, bei sehr langsamer Aufdosierung seltener)

Bemerkung:
Lamotrigin ist meist sehr gut verträglich, es macht nicht müde und stört nicht die Denkvorgänge; es muss zur Vermeidung von allergischen Hautreaktionen sehr langsam aufdosiert werden.
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Levetiracetam Handelsname: Keppra®

Wirkungsmechanismus:
noch nicht genau bekannt, die Substanz bindet an besondere Bindungsstellen im Gehirn

Anwendungsspektrum (zugelassen zur Mono- und Zusatztherapie ab 4 Jahre):
Mono- und Zusatztherapie von fokalen sowie primär und sekundär generalisierten Anfällen, bei Kindern liegen vergleichsweise noch nicht sehr viel Erfahrungen vor

Tagesdosis:

Erwachsene: 1000-3000 mg, Beginn mit 1000 mg; ab der 3.Woche 2000 mg und ab der 5.Woche 3000 mg, jeweils verteilt auf 2 Einzeldosen

Kinder: 20-40 (60) mg/kg/Tag

Nebenwirkungen:

Häufigere:
Schläfrigkeit, Müdigkeit, Schwächegefühl, Schwindel

Seltenere:
Verhaltensstörungen (Agitation, emotionale Labilität)

Bemerkung:
Keppra ist gut wirksam und vergleichsweise besonders gut verträglich
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Oxcarbazepin Handelsnamen: Timox®, Trileptal®

Wirkungsmechanismus:
Oxcarbazepin wirkt als Carbamazepinabkömmling ähnlich wie Carbamazepin

Anwendung:
Entsprechend dem Carbamazepin (siehe auch dort): Epilepsien mit fokalen und sekundär generalisierten Anfällen bei Erwachsenen und Kindern

Tagesdosis:
Erwachsene: 900-2400 (-3600) mg; Kinder: 30-50 mg/kg; Carbamazepin kann sofort durch Oxcarbazepin ersetzt werden, wobei 200 mg Carbamazepin 300 mg Oxcarbazepin entsprechen

Nebenwirkungen (seltener als bei Carbamazepin):
Allergischer Hautausschlag, Müdigkeit, Schwindel, Gangunsicherheit, Kopfschmerzen;
Erniedrigung des Minerals Natrium im Blut (Hyponatriämie, allerdings häufiger als bei Carbamazepin), ist bei etwa 3% der Erwachsenen mit Beschwerden verbunden, spielt bei Kindern praktisch keine Rolle.
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Tiagabin Handelsnamen: Gabitril®

Wirkungsmechanismus:
Verstärkt die GABA-Wirkung (GABA=Gamma-Aminobuttersäure, diese ist der wichtigste anfallshemmende Überträgerstoff im Gehirn)

Anwendung:
Zusatztherapie bei Epilepsien mit fokalen und sekundär generalisierten Anfällen

Tagesdosis:
Erwachsene: 15-30 mg ohne Begleitmedikation, 30-50 mg in Kombination mit anderen Antiepileptika; Kinder: 1,5 mg/kg (Dosierung noch nicht genau bekannt)

Nebenwirkungen:
Schwindelgefühl, Müdigkeit, Schläfrigkeit, Kopfschmerzen, Tremor, Gangunsicherheit, Konzentrationsschwierigkeiten, Verlangsamung des Denkens, Übelkeit; ob Tiagabin ebenso wie Vigabatrin (s. unten) Gesichtsfeldausfälle verursacht, ist noch unklar

Bemerkung:
Tiagabin kann einen nicht konvulsiven Status epilepticus auslösen

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Topiramat Handelsname: Topamax®

Wirkungsmechanismus:
Dieser Abkömmling des Zuckers Fruktose mit einer Sulfamatgruppe hat mehrere Wirkmechanismen: Hemmung Natriumkanäle in den Nervenzellmembranen; Verstärkung der GABA-Wirkung; Hemmung der Glutamat-abhängigen Erregung; Hemmung der Carboanhydrase

Anwendung:
Epilepsien mit fokalen und sekundär generalisierten Anfällen; Epilepsien mit primär generalisierten tonisch-klonischen Anfällen; Lennox-Gastaut-Syndrom und West-Syndrom

Tagesdosis:

Erwachsene: 100- 200 (-400) mg; Kinder: 2-5 (-9) mg/kg

Nebenwirkungen:
Schwindel, Schläfrigkeit, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Tremor, Gangunsicherheit, Konzentrationsschwierigkeiten, psychomotorische Verlangsamung, Sprachschwierigkeiten (durch langsames Aufdosieren meist vermeidbar), Missempfindungen in den Händen; z. T. erheblicher Gewichtsverlust, Schlafstörungen, Nierensteine bei 1,5 % der Erwachsenen; selten psychotische Reaktionen

Bemerkung:
Topiramat ist ein sehr wirksames Antiepileptikum, das vergleichsweise aber auch mehr Nebenwirkungen aufweist; es ist am besten verträglich, wenn es als alleiniges Medikament (in Monotherapie) und in niedriger Dosierung gegeben wird.
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Vigabatrin Handelsname: Sabril®

Wirkungsmechanismus:
Eine der hemmenden Aminosäure GABA ähnliche Substanz, welche den Abbau der GABA hemmt, so dass die GABA verstärkt wirksam ist, (GABA=Gamma-Aminobuttersäure, diese ist der wichtigste anfallshemmende Überträgerstoff im Gehirn)

Anwendung:
West-Syndrom (BNS-Anfälle); Epilepsien mit fokalen und sekundär generalisierten Anfällen, die mit anderen Antiepileptika nicht behandelbar sind

Tagesdosis:
Erwachsene: 2-3 g; Kinder: 40-70 mg/kg; Monotherapie beim West-Syndrom: 50-100 mg/kg, maximal 150 mg/kg

Nebenwirkungen:
Müdigkeit, Schläfrigkeit, Kopfschmerzen, Schwindel, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Verschwommensehen, Augenzittern (Nystagmus), Gangunsicherheit (Ataxie); Gewichtszunahme, Übererregbarkeit bei Kindern; Depression oder Psychosen bei 2-4% der Erwachsenen; bis zu 40% der Erwachsenen beidseitige konzentrische Gesichtsfeldeinschränkungen; aber nur eine Minderzahl (etwa 3-5% der Patienten) bemerkt dieses; vor Beginn einer Vigabatrinbehandlung und im Verlauf müssen regelmäßige augenärztliche Untersuchungen mit Überprüfung des Gesichtsfeldes erfolgen (erst ab einem Alter von 9-10 Jahren möglich)

Bemerkung:
Vigabatrin ist bei BNS-Anfällen besonders gut wirksam; leider kann das Gesichtsfeld bei den betroffenen Kindern nicht untersucht werden (bei jungen Kindern treten die Gesichtsfeldeinschränkungen möglicherweise seltener auf als bei Erwachsenen).
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Gruß
Luca:Blume:

Luca Offline




Beiträge: 10.600

10.01.2006 22:44
#3 RE: Medikamente gegen Epilepsie! antworten

Hallo

Das Wichtigste über Topiramat
Zusammenfassung:
Topiramat ist ein neues Medikamente gegen Epilepsie und ein Mittel der ersten Wahl bei allen Formen der Epilepsie.

Es führt bei Neueinstellungen bei richtigem Einsatz in über 60% zu dauerhafter Anfallsfreiheit.

Topiramat ist allgemein gut verträglich. Mögliche Nebenwirkungen sind Müdig-keit, Schwindel, Gewichts-abnahme und Kribbelgefühle an Händen und Füßen. Selten kann es zur Bildung von Nierensteinen kommen.

Topiramat wird als einziges Medikament (Monotherapie) und als Zusatzmedikament in der Behandlung aller Epilepsieformen eingesetzt.

Topiramat kann mit allen anderen Anti-Epilepsie-Medikamenten kombiniert werden, wenn dies notwendig ist.

Topiramat ist ein Medikament, das nur zweimal pro Tag gegeben werden muss.

Topiramat kann durch andere Medikamente in seiner Wirksamkeit beeinflusst werden. Bei gleichzeitiger Anwendung von Carbamazepin oder Phenytoin oder Barbituraten sollte eine Dosiserhöhung von Topiramat vorgenommen werden.

Die Wirkung der Antibabypille wird durch Topiramat bis zu einer Dosis von 200 mg/Tag (in der Monotherapie) nicht abgeschwächt, so dass eine andere Verhütungsmethode zusätzlich oder stattdessen nur oberhalb dieser Dosis nötig ist.

In der Schwangerschaft kann Topiramat nach den vorliegenden Daten angewendet werden. Die verfügbaren Daten sind jedoch noch zu gering um eine genaue Risikoein-schätzung vornehmen zu können.

Unter welchem Namen ist Topiramat im Handel erhältlich?
Topiramat ist als Topamax® in Deutschland erhältlich.

Wie wirkt Topiramat?
Topiramat ist ein Medikament, das die Erregungsleitung von Nervenzellen auf verschiedenen Ebenen hemmt.

In Nervenzellen sind verschiedene Ionen, das heißt Bestandteile von Blutsalzen, für die Vermittlung der Erregung zuständig. Beispiele sind Natrium, Kalium, Kalzium und Chlorid. Durch kleine Kanäle in der Wand einer Nervenzelle kann Natrium in die Zellen gelangen und zu einer "Umpolung" der Spannung über der Zellmembran führen von innen negativ zu innen positiv. Durch diesen Vorgang wird die Erregung in Nervenzellen geleitet. Durch die Blockade dieser Kanäle hemmt Topiramat die Ausbreitung einer Erregung in Nervenzellen.

Zudem verhindert es die Übertragung von Erregungen von einer Nervenzelle auf die andere, indem es die Überträgersubstanz Glutamat hemmt. Zudem wird die Wirkung hemmender Nervenimpulse verstärkt. Zwei weitere Wirkmechnaismen sind bekannt, nämlich die Hemmung eins Enzyms, der so genannten Carboanhydrase, und die Beeinflussung von Kalzium-Kanälen in der Zellwand.

Welche Anfälle/Epilepsieformen lassen sich mit Topiramat behandeln?
Topiramat ist ein Medikament, das in der Behandlung sowohl herdförmiger als auch generalisierter Epilepsien gute Erfolge zeigt. Es kann als einziges Medikament gegeben werden (Monotherapie) oder in Kombination mit anderen Medikamenten. Insgesamt ist Topiramat ein Medikament mit breiter Wirksamkeit gegen Epilepsie, so dass es bei nahezu allen Patienten eingesetzt werden kann.

Für wen ist Topiramat zugelassen?
Topiramat ist für Patienten ab 2 Jahren zugelassen zur Behandlung neu festgesteller Epilepsie oder zur Zusatzbehandlung bei fokalen Anfällen, primär generalisierten tonisch-klonischen Anfällen und beim Lennox-Gastaut-Syndrom.

Wer darf nicht mit Topiramat behandelt werden?
Topiramat darf bei einer Überempfindlichkeit (Allergie) gegen Topiramat oder einen der Hilfsstoffe in der Tablette nicht gegeben werden. Zudem sollte es bei Kindern unter 2 Jahren nicht gegeben werden, da zu wenig Erfahrungen vorliegen. Vorsichtig sollte man sein bei Patienten mit Nierensteinen oder schweren Leberfunktionsstörung. Bei Schwangeren sollte der Einsatz sorgfältig überdacht werden.

Wie gut wirkt Topiramat?
Topiramat ist ein neues Medikament in der Epilepsie-Behandlung, daher ist die Erfahrung insbesondere in der Langzeitbehandlung noch nicht so groß. Trotzdem kann man sagen, dass Topiramat in der Behandlung generalisierter Epilepsieformen in der Monotherapie genauso gut wirkt wie Valproinsäure. Bei herdförmigen Epilepsien wirkt es genauso gut wie Carbamazepin. In der Kombinationstherapie ist es vergleichbar mit anderen Medikamenten. In ausreichender Dosierung werden je nach Anfallsart bis über 60% der Patienten in einer ersten Monotherapie, das heißt bei Behandlung mit Topiramat als einzigem Medikament, anfallsfrei. Topiramat gibt es nur als Tabletten, so dass eine rasche Aufdosierung als Infusion z.B. im Status epilepticus oder bei einer Anfallsserie nicht möglich ist.

Ein Vorteil von Topiramat ist, dass es gut mit anderen Medikamenten kombiniert werden kann.

Was sind die wichtigsten Nebenwirkungen von Topiramat?
Topiramat ist allgemein gut verträglich.

Es kann zu Müdigkeit, Gewichtsabnahme, Schwindel und Kribbelmissempfindungen in Händen und Füßen kommen. Selten sind Gedächtnisstörungen und das Auftreten von Nierensteinen, das bei weniger als 1,0% der Patienten auftritt. Müdigkeit, Sprach- oder Sprechstörungen und eine Verlangsamung in der Aufdosierung gehen im Allgemeinen zurück, wenn das Medikament langsamer aufdosiert wird. Weiterhin kommen Appetitarmut, Kopfschmerzen, Doppelbilder und Stimmungsschwankungen vor.

Wie wird Topiramat aufdosiert?
Topiramat sollte langsam aufdosiert werden, damit Nebenwirkungen nicht oder nur leicht auftreten.

Üblicherweise beginnt man mit 25 mg/Tag in der ersten Woche. Danach steigert man um 25 mg/Tag wöchentlich.

Bei Kindern gibt man 0,5-1 mg/kg Körpergewicht pro Tag und steigert dann alle 1-2 Wochen um 0,5-1 mg/kg.

Welche Tagesdosen sind sinnvoll?
Wie bei den meisten Anti-Epilepsie-Medikamenten, wird auch bei Topiramat zunächst auf mittlere Dosisbereiche aufdosiert.

Angestrebt werden folgende Dosisbereiche:

In der Monotherapie bei Erwachsenen gelten 100 mg als erste Zieldosis; Topiramat kann aber auch auf bis zu 200 mg/Tag (Monotherapie) gesteigert werden. In der Zusatztherapie ist die übliche Dosis 200-400 mg/Tag wenn Topiramat mit Carbamazepin oder Phenytoin oder Barbiturat kombiniert wird.

Bei Kindern gibt man in der Monotherapie zunächst 3-6 mg/kg pro Tag, in der Kombination mit anderen Medikamenten 5-9 mg/kg pro Tag, aber Dosierungen bis zu 30 mg/kg pro Tag wurden schon gegeben und allgemein gut vertragen.

Gibt es Wechselwirkungen oder Unverträglichkeiten mit anderen Medikamenten (hauptsächlich anderen Anti-Epilepsie-Medikamenten)?
Topiramat selber wird durch anderen Medikamente beeinflusst. Medikamente, die in der Leber den Abbau von anderen Substanzen beschleunigen, z.B. die Anti-Epilepsie-Medikamente Carbamazepin und Phenytoin, verringern die Verweildauer von Topiramat im Körper, so dass die Dosis vom Topiramat erhöht werden muss. Die Spiegel von Digoxin, einem Herz-Präparat, können unter Topiramat absinken, so dass Spiegelkontrollen und ggf. eine Dosisanpassung nötig sind. Metformin, ein Diabetes-Medikament, kann unter Behandlung mit Topiramat ansteigen, so dass die Kontrolle der Zuckerwerte und der Einstellung der Zuckerkrankheit engmaschig erfolgen sollten.

Andere Medikamente, die zu Nierensteinen führen können, sollten mit Vorsicht eingesetzt werden. Dies sind insbesondere Triamteren, Zonisamid, Acetazolamid und Vitamin C in einer Dosis von mehr als 2 g/Tag (mehr als ½ Teelöffel).

Ist es sinnvoll, die Blutspiegel zu kontrollieren?
Eine Kontrolle von Topiramat-Spiegeln ist nicht sinnvoll oder nötig.

Gibt es in der Schwangerschaft etwas zu beachten?
Schwangerschaften bei Epilepsie-Patientinnen sind generell Risikoschwangerschaften, da das Kind durch gewisse Medikamente gefährdet sein kann.

Topiramat ist ein Medikament, das in der Schwangerschaft derzeit gegeben werden kann. Es muss allerdings gesagt werden, dass die Datenlage noch nicht abschleißend beurteilt werden kann, da noch nicht genügend Schwangerschaftsverläufe untersucht sind, um endgültige Aussagen treffen zu können.

Die bisherigen Daten aus menschlichen Schwangerschaften legen bisher den Verdacht nicht nahe, dass Topiramat eine schädigende Wirkung hat. Allerdings gibt es Tierversuche, bei dem es zu einer erhöhten Fehlbildungsrate gekommen ist. Daher ist es derzeit nicht möglich, eine endgültige Einschätzung zu Topiramat in der Schwangerschaft zu geben. Ein Beratungsgespräch vor einer Schwangerschaft ist in jedem Fall anzuraten.

Umstritten ist, ob die Einnahme von Folsäure (2,5-5 mg/Tag) einen zusätzlichen Schutz bietet und daher bei Frauen, die Topiramat nehmen, aktuell empfohlen werden sollte.

Vermieden werden sollte in jedem Fall - wenn dies möglich ist - die Einnahme von mehreren Medikamenten gegen Epilepsie gleichzeitig, da sie zu einer deutlichen Steigerung des Risikos führt.

Muss man sonst noch etwas beachten?
Topiramat kann, insbesondere bei hoher Dosierung das Reaktionsvermögen herabsetzen. Daher muss beim Führen eines Fahrzeuges (soweit dies erlaubt ist!) oder der Bedienung von Maschinen bedacht werden, dass es zu Gefahrensituationen kommen kann und entsprechend vorsichtig gehandelt werden bzw. die Tätigkeit kann bei entsprechender Nebenwirkung nicht ausgeübt werden.

Hinweis:
Die Medizin als Wissenschaft und somit auch die Epileptologie sind durch dauernden Zugewinn an Forschungsergebnissen einem ständigen Wandel unterworfen. Die genannten Daten gelten daher nur zum Zeitpunkt der Herausgabe dieser Patienteninformation. In unregelmäßigen Abständen oder dann, wenn sich Wesentliches ändert, wird diese Patienteninformation überarbeitet und als neue Version zur Verfügung gestellt. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir daher nur die jeweils aktuelle Version empfehlen können. Jegliche Haftung für die hier veröffentlichten Informationen wird abgelehnt.

Die hier dargelegten Informationen wurden nach bestem Wissen recherchiert. Trotzdem kann es zu Fehlern kommen, die sich z.B. aus Schreib- oder Übertragungsfehlern ergeben. Daher wird jeder Benutzer aufgefordert, sich im Zweifel andere Literatur zusätzlich zu besorgen und Angaben zu überprüfen.

Fachinformationen für Ärzte finden sich unter anderem unter:

Antikonvulsiva Topiramat

Zusätzliche Informationen bietet die Packungsbeilage des Medikaments. Zudem können Sie Ihren behandelnden Arzt oder den Apotheker fragen.

Herausgeber: Prof. Dr. A. Hufnagel

Gruß
Luca:Blume:

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