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 °° Epilepsie allgemein °°
Luca Offline




Beiträge: 10.600

07.11.2005 21:52
RE: Wie gehen Familien mit Behinderungen um? Antworten

Wie gehen Familien mit dem Auftreten
chronischer Erkrankungen um?


Aus den Erfahrungen einer Familientherapeutin.

Die Beziehungen in einer Familie sind immer extrem komplex. Und mit diesen komplexen Beziehungen beschäftigen wir uns bei der Familientherapie. Jeder Mensch ist ein individuelles Selbst, aber auch Familienangehöriger und lebt in einem Beziehungssystem. Die verschiedenen Familienmitglieder sind durch ein Netzwerk von Schnüren miteinander verbunden.

Paare haben in Familien ganz spezifische Rollenbeziehungen, von deren Charakter wir in der jeweiligen Gesellschaft ein festes Bild haben.

Wir betrachten unsere Modellfamilie - ein Ehepaar mit drei Kindern. Die Rollen in der Familie teilen sich in drei Hauptkategorien ein, die eheliche, also Ehemann/Ehefrau, die elterlich-kindliche; nämlich Vater/Tochter, Mutter/Tochter, Vater/Sohn, Mutter/Sohn und die geschwisterliche, nämlich Bruder/Bruder, Schwester/Schwester, Bruder/Schwester. Jede Rolle ist mit unterschiedlichen Erwartungen verknüpft. Familienrollen entstehen immer aus Paaren. Die Rolle der Ehefrau kann nicht ohne die Rolle des Ehemanns gesehen werden, kein Vater ohne Sohn oder Tochter usw.. Die Ansichten über die Bedeutung der einzelnen Rollen können verschieden sein. Wichtig ist es, herauszufinden was die verschiedenen Rollen für die jeweiligen Familienmitglieder bedeuten.

Bei unserem Modell haben alle Familienmitglieder Kontakt zueinander, die Eltern stehen gleichrangig über den Kindern, die Kinder befinden sich im zweiten Rang, alle fünf haben Blickkontakt zueinander und untereinander. Schauen wir uns jetzt an, was passiert, wenn eines der Familienmitglieder sich verändert, dabei ist es egal, ob die Veränderung durch einen Schicksalsschlag hervorgerufen wird wie z.B. das Auftreten von Epilepsie bei einem Elternteil oder einem Kind, oder ob dies eine selbstgewählte Veränderung ist (z. B. Mutter sucht sich einen Liebhaber). Immer finden wir, dass sich nicht nur der Einzelne verändert, sondern gleich das ganze Beziehungssystem.

Lassen Sie mich als Beispiel die Erkrankung eines Kindes nehmen: In den meisten Fällen rückt die Mutter näher an das Kind heran. Das Managen der Krise wird meist ihre Hauptaufgabe. Dies ist eine Erfahrung, die ich immer noch bei fast allen Familien, die von einem Schicksalsschlag betroffen sind, vorfinde. Krankenhausaufenthalte, Arztbesuche, Begleitung zu Krankengymnasten und Behördengänge, dies wird zum neuen Lebensinhalt der Mütter. Gleichzeitig rücken sie damit von ihrem Partner weg, das Beziehungsband wird gedehnt und dadurch dünner. Die Kluft zwischen den beiden Alltagen der Partner wird immer größer. Die Mütter bilden in dieser Situation das Zentrum der Familie; die Väter hingegen werden an den Rand der Familie gedrängt. Es ist immer wieder erstaunlich zu sehen, wie die Männer in dieser Lage vereinsamen. Sie stehen nicht nur am Rand der Familie, sondern finden auch auf der Arbeit keine Ansprechpartner für ihren häuslichen Probleme. Die Probleme mit in den Betrieb zu bringen, ist in der heutigen Arbeitswelt das vorauszusehende Ende der Karriere. In dieser Situation sind die Schwierigkeiten für die Partnerbeziehung fast zwangsläufig, nur wenige Paare können sich ihnen entziehen.

Dadurch dass das zentrale Geschehen in der Familie die Besorgnis um das kranke Kind wird, rücken die Geschwister oftmals aus dem Familienzentrum; sie sind die relativ glücklichen und normalen Kinder. Von ihnen wird verlangt, im Alltag problemlos zu funktionieren. Durch die Verschiebung der Beziehungen innerhalb der Familie, die sich z. B. durch solch ein schicksalhaftes Ereignis ergeben können, verändert sich die Familie schnell so, dass sich kein Mitglied mehr richtig wohl fühlt ohne dass irgend jemand richtig weiß warum. Immer weiter fallen die traditionellen Rollenverständnisse und die Ansprüche an die Familie mit der alltäglichen Realität auseinander. Die Familienmitglieder haben keinen Blickkontakt mehr miteinander, die Hierarchien sind unklar; die unsichtbaren Schnüre geben keinen Halt mehr.

Ich verrate Ihnen sicherlich kein Geheimnis, wenn ich Ihnen sage, dass es heute sowieso schwierig ist, eine erfüllte Beziehung oder eine glückliche Ehe zu leben, sie brauchen dazu nur in die Scheidungsstatistik zu schauen. Neben dem Drittel der Ehen, die geschieden werden, existieren die, die leer und für die Menschen unbefriedigend sind. Für viele Beziehungen, die eine krisenhafte Belastung haben, ist es noch schwerer als für andere. Jeder von Ihnen wird die Erfahrung gemacht haben, dass Freunde sich zurückziehen, dass manche Menschen in Ihrer Umgebung den engeren Kontakt mit Ihnen meiden. Viele haben Angst vor dieser für sie unbekannten Krankheit. Die Ablehnung, die ihnen entgegengebracht wird, ist natürlich subtil und niemals offen. Die Familien geraten so immer mehr in die Isolation. All dies begünstigt, dass einer der Partner nur noch die Flucht als Ausweg sieht.

All dies ist ein Beispiel für eine Familie, bei der ein Kind erkrankt ist, aber ähnlich verläuft es auch, wenn einer der Partner Epilepsie hat. Auch hier werden die Bindungen innerhalb der Familie verschoben. Ist einer der beiden nicht nur Partner sondern auch Kranker, bilden sich ganz ähnliche Probleme heraus wie in der Beispielsfamilie. Andere Formen der gesellschaftlichen Ablehnung kommen hinzu - offen oder versteckt. Auch Sie werden die Frage erlebt haben: "Wie können Sie sich als Kranker eine Familie wünschen. Haben Sie denn kein Verantwortungsgefühl?" Auch hier müssen Sie ihre Rolle selber neu definieren, abseits von den Klischees die Ihnen angeboten werden.

Ich habe keine Patentrezepten oder tiefenpsychologischen Erklärungsmuster parat, sondern kann Ihnen nur das scheinbar Einfachste und Naheliegendste in einem solchen Fall anbieten, nämlich zu versuchen Verhaltens- und Rollenmuster in der Familie zu beschreiben und sie den Erwartungen und Bedürfnissen der Familienmitglieder gegenüberzustellen. Und am allerwichtigsten ist es, Schmerz, Trauer und Angst zuzulassen, als einen Prozess zu akzeptieren, der uns dabei hilft, mit existenziell schweren Situationen fertig zu werden, nach dem tiefen Fall einen neuen Boden zu finden. Auf diesem Boden können eigene Ressourcen und verdeckte Kräfte wieder mobilisiert werden.

Einige von Ihnen sind Eltern von Anfallkranken Kindern, selber epilepsiekrank oder haben sich entschieden, Ihr Leben mit einem Epilepsiekranken zu teilen. Vielen von Ihnen wird das Trauma der Krankheitsdiagnose gegenwärtig sein und das Problem, mit einem unabänderbaren Schicksal zu leben. Andere von Ihnen wollen mit einem Epilepsiekranken eine Familie gründen und brauchen Hilfe, um sich gegen Vorurteile und Ausgrenzung zur Wehr zu setzen. So verschieden wie Ihre Probleme und Sie sind, ist es selbstverständlich, dass es keine gemeinsamen Lösungswege gibt. Aber trotzdem gibt es Gemeinsamkeiten des Weges. Begreifen Sie die Probleme, die Sie haben, nicht als individuelle Probleme, sondern beziehen Sie Ihr Umfeld und Ihre Familie mit ein.

Wohltätigkeit und Entsagungen sind keine Basis, die ein Leben lang trägt. Und bitte vergessen Sie eins nicht, die Leistung, die Sie in unserer Gesellschaft vollbringen, ist so groß, dass Sie auch das Recht auf Hilfe der Gesellschaft haben. Finden Sie für sich die richtige Mischung aus Selbsthilfe und professioneller Begleitung, aber versuchen Sie nicht, den Weg nur allein zu gehen.

Marion Reuschel,
Familientherapeutin,
Vortrag auf der Jahrestagung der Deutschen Epilesievereinigung 2005
(Text von der Redaktion gekürzt)

Quelle: deutsche Epilepsievereinigung

Gruß
Luca:sunny:

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